Dossier

Testturm


1 Zeitenwende

Thyssen-Krupp wird in Rottweil die Zukunft der Aufzugstechnik testen. Der Höhe von Gebäuden sind damit künftig keine Grenzen mehr gesetzt.

Foto: Dirk Werner für econo

Über den Ausblick muss man nicht viele Worte verlieren. Eines reicht: spektakulär! Kein Wunder, oben auf dem sich noch im Bau befindlichen Testturm von Thyssen-Krupp bei Rottweil entsteht die höchste Aussichtsplattform in Deutschland, rund 245 Meter über dem Grund. Mehr Panorama samt Alpenblick geht kaum.

Doch Branchenkenner inte­ressiert nicht der Ausblick. Viel lieber würde man einen Blick in drei der zwölf Schächte im Innern des Turms werfen - wobei der Konzern mit Geheimhaltungsklauseln bei den Bauhandwerkern derzeit noch die Spannung hoch hält. Denn im Innern des Turms wird unter anderem der "Multi" getestet, ein Fahrstuhlkonzept, das für die Branche eine Zeitenwende bedeuten kann. Doch dazu gleich mehr.

Vorher noch ein kurzer Blick auf die Branche an sich - die ist nämlich überschaubar. Zwar hat Werner von Siemens 1880 in Mannheim den ersten elektrischen Aufzug vorgestellt. Doch im Land hat das keinen Boom ausgelöst. Im Prinzip teilen sich vier Konzerne den Markt, neben Thyssen-Krupp sind dies Otis, Schindler und Kone. Keiner hat seinen Sitz in Baden-Württemberg. Neben den Platzhirschen gibt es allenfalls noch Raum für Nischen.

Das Mannheimer Familienunternehmen Lochbühler hat sich mit seiner regionalen Ausrichtung in einer eingerichtet. Mit 65 Mitarbeitern werden pro Jahr gut 120 Neuanlagen und Modernisierungen auf den Weg gebracht. Zudem betreibt das Unternehmen in einem ehemaligen Wasserturm ein einzigartiges Aufzugsmuseum. Anbieter wie Liftec aus Donaueschingen haben sich auf kleinere Anlagen spezialisiert, die beispielsweise bei der behindertengerechten Ausstattung von Bestandsgebäuden eingesetzt werden.

Dennoch ist Baden-Württemberg kein Entwicklungsland in Sachen Aufzüge: Thyssen-Krupp betreibt in Neuhausen auf den Fildern das europaweit größte Werk mit 48?000 Quadratmetern Fläche und 1200 Mitarbeitern. Mit einer Fertigungstiefe von 80 Prozent entstehen dort 3500 Aufzugsanlagen pro Jahr, die zu 70 Prozent exportiert werden.

In diesem Werk steht ebenfalls die Zeitenwende an: Zusätzlich zu den 40 Millionen Euro für den Testturm wurden auf den Fildern bereits 80 Millionen Euro investiert, auch um die Fertigung fit für den "Multi" zu machen. Denn mit den bisherigen Anlagen hat das neue System allenfalls die Kabine gemein.

Laienhaft ausgedrückt hat der Konzern aus einer früheren Kooperation die Transrapid-Technik recycelt. Damit benötigen Aufzüge künftig keine Seile mehr - heute sind es meist acht Stück, die eine Kabine halten. Entsprechend groß ist der Platzbedarf des Technikraumes. Zudem gibt es höchstens zwei Kabinen pro Schacht. Und allzu hoch kommt man nach künftigen Maßstäben mit einem Aufzug auch nicht, da das Eigengewicht der Stahlseile zu hoch ist - deshalb muss man schon bei heutigen Gebäudehöhen umsteigen. Kurzum: Für die künftig höchsten Gebäude braucht es eine andere Technik.

Hier unternimmt Thyssen-Krupp mit der "Multi"-Technik einen Vorstoß. Mehrere Kabinen können künftig einen Schacht nutzen, die Kabinen fahren vertikal und horizontal und werden damit sogar Teil des Mobilitäskonzepts: Die Kabine kann Fahrgäste gleich am Parkplatz oder der U-Bahn abholen - und der Höhe von Gebäuden sind damit ohnehin kaum noch Grenzen gesetzt. Bislang existiert das System allerdings erst in Berechnungen und im Modell. Im Rottweiler Testturm wird der "Multi" dann ab dem Frühjahr unter Realbedingungen ausprobiert werden. Dazu wird der Konzern auch die Forschungsabteilung aus Pliezhausen an den Neckar verlegen und Kooperationen mit Mittelständlern und Hochschulen eingehen - denn neben der Lineartechnik beschäftigen noch andere Themen der Digitalisierung den Konzern.

Übrigens: Bis zum Frühjahr wandelt der Turm komplett sein Äußeres, dann wird die Außenhülle aus einem Glasfaser-ähnlichen Gewebe schraubenartig montiert sein. Und der Konzern wird die Aussichtsplattform an Wochenenden für Besucher öffnen. Dann, wenn die Forscher den "Multi" gut versteckt geparkt haben.

2 Das Meisterstück

Der Bau des Thyssen-Krupp-Testturms bei Rottweil ist eine Herausforderung. Die Bau-Zulieferer punkten mit besonderem Einsatz.

Foto: Jigal Fichtner für econo

Das Geständnis kommt unvermittelt. „Es ist eine klasse Erfahrung, ein tolles Projekt. Aber es ist auch ungeheuer anstrengend, das wurde von vielen unterschätzt.“ Günter Eberhardt lehnt rücklings an seinem Transporter, den Blick gen Himmel gerichtet zur Spitze des Thyssen-Krupp-Testturms. Eberhardt ist Chef des gleichnamigen Bewehrungsbau-Unternehmens. Kurz gesagt: Seine Mannschaft sorgt dafür, dass im Beton des Turms drei Millionen Einzelteile aus dünnen Stahlstangen für Stabilität sorgen. Ein riesiges Puzzle. Doch dazu später mehr.

Der Turm. Während Eberhardt sinniert, schiebt sich hinter seinem Rücken einige Meter entfernt eine Besuchergruppe vorbei. Der Bau bei Rottweil hat sich längst zum Magneten entwickelt. Kein Tag, kaum eine Stunde, ohne dass nicht Einzelpersonen oder ganze Bus­ladungen von nah und fern zum eigens angelegten Besucherzen­trum im Rücken der Baustelle pilgern. Selbst in den Nachtstunden und bei Regen wird geschaut, gestaunt – und es entstehen ungezählte „Selfies“, also Selbstbildnisse mit Turm im Hintergrund.

Für die Querdenkerin und Managementberaterin Anja Förster hat die Turm-Faszination eine schlichte Erklärung: „Das ‚oben‘ wird  gegenüber dem ‚unten‘ als positiver und erstrebenswerter wahrgenommen. 

Erstrebenswert. Für Bewehrungsbauer Eberhardt ein gutes Stichwort. „Natürlich möchte man bei einem solchen Projekt mitmachen“, betont er. Deshalb hat nicht nur er mit spitzem Bleistift gerechnet, als der Generalunternehmer Züblin um ein Angebot bat. Eberhardt: „Man muss dabei einen guten Mittelweg finden, einerseits will man ein solches Projekt unbedingt stemmen, andererseits auch etwas verdienen.“

Wie Eberhardt sind eine Reihe von Mittelständlern entlang der Innovationsachse Stuttgart-Zürich bei den Rohbauarbeiten zum Zuge gekommen. So liefert die Sülzle-Gruppe den Stahl, TBU und Bau-Union den Beton, Gfrörer baggert und der Innenausbau bietet vielen weiteren Gewerken Chancen.

Man kann es so formulieren: Sie alle bauen hier ihr Meisterstück.

Die Herausforderung. Klaus Strohmeier sitzt im Besprechungsraum der kleinen Container-Siedlung am Fuß der Baustelle. Hinter den Containern haben Spaßvögel ein Beachvolleyball-Feld samt einem Sandkasten inklusive Spielzeug-Baufahrzeugen angelegt, benutzt wurde beides indes noch nicht. Vor den Containern wächst der Turm. Und Strohmeier trägt als Oberbauleiter bei Züblin für alles die Verantwortung.

25 Jahre ist der ruhige Mann mit den wuscheligen grau-mellierten Haaren im Geschäft, er hat Baustellen jeder Couleur begleitet. Seine bisherige Bilanz? „Alle Faktoren sind ausgereizt und auf die Spitze getrieben“, erklärt er im ruhigen Ton. Egal ob Betonqualität oder Bewehrungsgrad, die Gründungstiefe von 30 Metern, die Endhöhe von 246 Metern oder die Temperaturunterschiede, da rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche in drei Schichten gearbeitet wird?… Strohmeier: „Eine Gleitbaustelle in diesem Umfang wurde noch nicht bewältigt.“

Die Worte des Oberbauleiters hallen im Container, seine Stimmlage ist neutral. Doch auch für ihn ist klar: Das Projekt ist gelungen, weil sich Konzernerfahrung mit den hochgekrempelten Ärmeln im Mittelstand verband. 

Gleitbaustelle. Der Laie kann mit dem Begriff wenig anfangen, der Kenner zieht mit Bewunderung die Brauen hoch. Es ist so etwas wie die Königsdisziplin im Hochbau. Vereinfacht ausgedrückt  wandert die Schalung für den Beton permanent nach oben. Der herkömmliche Takt geht so: Schalung bauen, Bewehrung reinpacken, Beton dazu, aushärten lassen, Schalung öffnen, neuer Takt. Bei der Gleitschalung geschieht alles gleichzeitig, aber geordnet.

Dafür ist höchste Präzision gefordert. Jeder Beteiligte muss zu jedem Zeitpunkt wissen, was er und die anderen zu tun haben. Selbst die kleinste Unregelmäßigkeit kann fatale Folgen haben. „Im schlimmsten Fall muss ein Teil des Baus abgerissen werden und die Gleitschalung ist nicht mehr zu gebrauchen“, so Strohmeier. Man merkt ihm deutlich an, was dieser Worst Case für alle Beteiligten bedeutet hätte.

Die Fallstricke. Das nüchterne Besprechungszimmer in einem Zweckbau in Bad Dürrheim steht im Kontrast zur Ausgelassenheit von Christoph Ramsperger und Harald Schmid. Ramsperger ist als Geschäftsführer der Transport-Beton-Union TBU Auftragnehmer für die Beton-Lieferung, Schmid verantwortet als Geschäftsführer der Firmengruppe Bau-Union Herstellung und Transport des Betons. Gemeinsam schwelgt das Duo gerade in unzähligen Anekdoten rund um den Turmbau.

 Immerhin kommt dem Baustoff bei dem Projekt eine besondere Bedeutung zu – ohne eine besondere Rezeptur funktioniert die Gleitschalung erst gar nicht. Deshalb haben Schmid und Ramsperger schon lange vor dem eigentlichen Baubeginn zusammen mit Zulieferern über die Rezepturen gebrütet. Fachbegriffe wie „Grundstandfestigkeit“ und „Glättung“ schallen durch den Raum. Am Ende hatte man eine Rezeptur, die alle gewünschten Eigenschaften aufwies. Nur: „Der Beton muss von minus zehn Grad bis zu plus 40 Grad verarbeitbar sein“, so Ramsperger: „Das ist schier unlösbar.“ Denn bei veranschlagten 100 Gleittagen für den Turm ist diese Temperaturspanne erwartet worden – und eingetroffen. Probleme gab es dennoch nicht. Mission erfüllt.

Auch weil eben im Vorfeld viel gehirnt wurde. Ein Beispiel: Zement wird vom Werk mit Temperaturen von 70 bis 90 Grad Celsius ausgeliefert. Schmid: „Die Temperatur wäre für die Herstellung dieses Betons zu hoch gewesen. Wir dürfen den Beton mit nicht mehr als 30 Grad Celsius anliefern.“ Bei höheren Werten hätte der Gleitvorgang nicht funktionert. Also hat Holcim bereits im Zementwerk Vorkehrungen getroffen und bei der Bau-Union wurden im Sommer die Auslieferfahrzeuge sogar gekühlt. „Wir haben dafür eigens eine Anlage gebaut“, so Schmid.

Derlei Herausforderungen gab es zuhauf, die Spannweite reicht vom ungewohnten Schichtbetrieb – Tag wie Nacht musste ein Zementmischer pro Stunde auf die Baustelle – bis hin zu den Tücken der automatischen Datensicherungen der Mischanlage, die mit dem Schichtbetrieb erst nicht konform ging. Ramsperger lacht: „Das sind aber alles Herausforderungen, für die man als Mittelständler schnell Lösungen findet.“

Auch Günter Eberhardt hatte diese Herausforderungen zu meistern. Genauer gesagt drei Millionen Stück davon: Aus so vielen Einzelteilen besteht geschätzt die Bewehrung im Innern des Betonturms. „Beinahe jeder Meter erforderte eine andere Bewehrung“, erläutert der Geschäftsführer, der mit seinen Trupps viel Erfahrung auf dem Gebiet hat.

Hier ein Türsturz, dort eine Aussparung für Kabel, unten mehr Stahl als oben – alles aufgezeichnet in 55 Einzelplänen der äußeren Betonröhre mit ihren zwölf Aufzugsschächten im Innern. Eberhardt: „Das ist gerade mental eine Herausforderung für die Mitarbeiter.“ Ein wenig wie Puzzlen unter Zeitdruck, denn die Schalung wandert ja permanent –  und das an 100 Tagen, in drei Arbeitsschichten pro Tag, alle zehn Tage, wenn der Kran in die Höhe wuchs, gab es eine kurze Pause von ein, zwei Tagen. „Normalerweise dauern solche Baustellen drei bis vier Wochen“, so Eberhardt. In Rottweil wuchs der Turm aber vier Monate in die Höhe!

Heinrich Sülzle kann den Turm sehen, wenn er einen kurzen Spaziergang von seinem Büro zu einer leichten Anhöhe macht.  „Eigentlich schade, was wir geliefert haben, sieht man gar nicht mehr“, schmunzelt er. Der Chef der gleichnamigen Gruppe mit Sitz in Rosenfeld kennt sich aus mit großen Baustellen. Sülzle liefert von zehn Standorten in Deutschland pro Jahr rund 25?000 Tonnen Baustahl für große wie kleine Projekte. Sülzle: „Die Geschwindigkeit, mit der der Turm wuchs, war aber auch für uns die Herausforderung.“ Für 3,60 Meter pro Tag mussten Stahlteile konfektioniert und geliefert werden. „Herausragend“ tituliert er das Projekt.

Wobei bei Sülzle die komplette  Belegschaft von dem Turm angefixt ist. „Alle Mitarbeiter waren vor Ort, wollten sehen, wie der Turm wächst“, erzählt Sülzle. Da ist sie wieder, die Faszination des „oben“, wie es Anja Förster formuliert hat. „Da kommen selbst größere Baustellen wie ein Tunnel bei Rastatt, für den wir 18?000 Tonnen Stahl liefern, oder ein Autobahnabschnitt bei Berlin mit 36 Meter langen, bei uns gebauten Bewehrungselementen nicht mit“, lächelt Sülzle.  

Die Faszination ist das Stichwort für Alfons Bürk. Der Rottweiler Architekt ist Projektsteuerer und, wenn man so will, der „gute Geist“ des Projekts. Viele sagen, ohne ihn gebe es den Turm an dem Ort gar nicht. Bürk begleitet Thyssen-Krupp bei deren Visionen fürs Aufzugswerk in Neuhausen auf den Fildern. Er selbst nimmt sich eher zurück: „Für die ganze Region kann das Projekt ungeheuer viel Positives bewirken.“

Bürk sitzt im Baucontainer am Fuß des Turms. Er ist umtriebig, bereits Anfang der 1980er-Jahre hat „Der Spiegel“ über den damals Jugendlichen und dessen Rettung eines baufälligen Hauses in Rottweil berichtet. Heute hat er im Vorfeld die Einwohner mit dem Megaprojekt versöhnt, sie behutsam aufs Kommende vorbereitet. „Ich war dabei aber nur eine Art Megaphon, indem ich zugehört habe und die Meinung der Rottweiler verstärkte“, bleibt Bürk bescheiden. Wer die positive Stimmung bei den Bürgerversammlungen erlebt hat, weiß, was er meint.

Die Zukunft. Zurück zu Oberbaumeister Strohmeier einen Container weiter. Soll das Werk wirklich den Meister loben, dann hat er noch eine Menge zu tun. Immerhin hat Züblin die Ausschreibung inklusive der ungewöhnlichen Architektur des Duos Helmut Jahn und Werner Sobeck gewonnen. Wenn man so will,  schlüsselfertiges Bauen auf höchstem Niveau und mit festem Budget von 40 Millionen Euro. Deshalb muss Strohmeier noch eine Menge Herausforderungen meistern, was er nicht unterschätzt. Beispielsweise das Anbringen der 17?000 Quadratmeter Außenhülle. Oder: „Wie bekommt man hunderte Meter Kabel in den Schächten verlegt, ohne die Kabelrolle einfach runterzuwerfen.“

3 Stadt mit Aussicht

Thyssen-Krupp will einen Megaturm in Rottweil bauen und die meisten Einwohner klatschen Beifall.

Foto: Illustration ThyssenKrupp Elevators

Das wirft ein besonders Licht auf diesen Standort im ländlichen Raum. Eine Einschätzung.

Mit den Buhrufen war zu rechnen. Sie sind verhalten zwar, aber dennoch sehr deutlich vernehmbar an diesem Abend. Gut 350 Rottweiler haben sich in dem zum Veranstaltungsort umgebauten Kapuziner- Kloster im Herzen Rottweils versammelt. Sie lassen sich die Architektur des geplanten Testturms der Aufzugssparte von Thyssen-Krupp erläutern. Ein Megabau von 246 Metern Höhe, das dritthöchste Gebäude in Deutschland und schon jetzt international beachtet.

Die Buhrufe gelten an diesem Abend den Kritikern des Projekts.

Dazu muss man wissen: Rottweil ist die älteste Stadt in Baden-Württemberg, die Grundfeste sind 2000 Jahre alt. Die Bürger sind traditionsbewusst bis ins Mark. Die Fastnacht ist ebenso heilig wie das Stadtbild. Das Aufstellen eines Blumenkübels löst hier Diskussionen aus.

Für Beobachter war es deshalb ein spannendes Experiment, als der Essener Konzern vor einem Jahr erstmals die Überlegungen präsentierte: Wie sind die Reaktionen? Alles schien möglich.

Schon rasch wurde deutlich, was an besagtem Abend im Kapuziner durch Buhrufe artikuliert wird: Die überwiegende Mehrheit der Rottweiler steht dem 40-Millionen- Euro-Projekt offen gegenüber. Unterhält man sich mit Einwohnern u?ber die Gründe, dann ergibt sich ein klares Bild. Bei den Rottweilern hat ein Umdenken eingesetzt. Man ist wirtschaftsfreundlicher geworden.

Auslöser dafür war vor einigen Jahren der vollkommen aus dem Ruder laufende Streit um einen Gefängnisneubau. Rottweil ist traditionell Justizstandort, das alte Gefängnis steht direkt am Rand der Altstadt. Doch wo – und ob überhaupt – ein neues gebaut werden soll, wurde turbulent diskutiert. Den Neubau wird die Landesregierung nach aktuellem Stand nicht nach Rottweil stellen. Den Bürgern war klar: Chancen sollte man nicht verpassen.

Zurück in das Kapuziner am Abend. Mit warmem Applaus werden die Vertreter von Thyssen-Krupp empfangen. Einige Besucher tragen sogar blaue "Pro Tower"-TShirts. Und als ein Imagefilm abgespielt wird, wie sich das Architektengespann Helmut Jahn und Werner Sobek das Design des "Tower of Light" mit einer Hülle aus Spezialstoff vorstellen, geht ein Raunen durch die Reihen.

Die Stimmung lässt sich wunderbar deuten: Der Turm schmeichelt dem bürgerlichen Selbstbewusstsein.

Das ländliche Rottweil macht sogar gegen Schanghai das Rennen.

Denn der Konzern hat vor seiner Standortentscheidung mehrere Jahre andere Standorte untersucht, Spanien war im Rennen, Schanghai auch. Doch der ländliche Raum hat das Rennen gemacht. Das hängt nach den Worten von Andreas Schierenbeck, Vorstandsvorsitzendem der Thyssen-Krupp Aufzugssparte, einerseits mit der Nähe zum Werk in Neuhausen auf den Fildern zusammen. Das wird ebenfalls für einen zweistelligen Millionenbetrag fit gemacht.

Und andererseits ist die Region aufgrund ihrer Ingenieursdichte und Hochschul-Landschaft führend. Das von Thyssen-Kruppe geformte Schlagwort von der "Technologie-Achse Stuttgart–Zürich" haben die Verantwortlichen in Firmen, Verwaltungen und Institutionen längst in den Sprachgebrauch übernommen. Es klingt besser als "ländlicher Raum".

Wobei das Raunen der Bürger an einer anderen Stelle in einen beinahe frenetischen Applaus übergeht: Als Architekt Jahn die Aussichtsplattform auf 232 Metern Höhe vorstellt. Es wird die höchste frei zugängliche Plattform in Deutschland. Ein Rundumblick durch eine gläserne Brüstung ist möglich. In Rottweil zählt man im Geiste bereits die potenziellen Touristen, die der Turm an Wochenenden anziehen könnte.

Viele sehen den Stuttgarter Fernsehturm als Symbol wanken.

Die Stadt wird damit zum Zentrum, der skulpturale Turm ein Wahrzeichen. Am Abend im Kapuziner sehen viele den Stuttgarter Fernsehturm als Symbol wanken.

In dieser wohligen Stimmung hat es Alexander Keller schwer. Der Europa-Chef von Thyssen-Krupp muss aber daran erinnern: Skulptur hin, Wahrzeichen her, das Megaprojekt ist ein Testturm. Und grundlegend für die weitere Konzern-Entwicklung. Denn die Aufzugssparte zählt mit 43 000 Mitarbeitern und 5,2 Milliarden Euro zu den profitablen Bereichen des schwer angeschlagenen Konzerns. Im weltweiten Markt hält Thyssen-Krupp 13 Prozent.

Zudem hat der Aufzugsmarkt glänzende Zukunftsaussichten: Für das Jahr 2050 prognostizieren Stadtplaner 105 Megastädte weltweit, aktuell sind es 29. Rund 67 Prozent der dann 9,3 Milliarden Menschen leben dort – natürlich in immer höheren Gebäuden.

Im Innern müssen die Aufzüge ergo schneller unterwegs sein. Aktuell bewegen sie sich mit zehn bis zwölf Metern pro Sekunde, 2020 sollen 18 Meter pro Sekunde Standard sein. Alexander Keller: "Diese Aufzüge der Zukunft werden wir in Rottweil testen." Dafür werden in dem nur 21 Meter im Durchmesser zählenden Testturm 17 Schächte gebaut: 15 für Testzwecke, einen für die Öffentlichkeit – und einen für die Feuerwehr. Ob der Testturm indes kommt, darüber muss nach Abschluss des üblichen Verfahrens der Gemeinderat entscheiden. Rottweils OB Ralf Broß rechnet indes mit einem Baubeginn noch im Herbst. Buhrufe erntet er dafür nicht.

4 Und nun?

Der Testturm von Thyssen-Kruppsteht im Rohbau. Jetzt wird es Zeit, sichum die Zukunft Gedanken zu machen.Denn die Unternehmen der Region könnenvon dem Bau profitieren

Foto: Illustration ThyssenKrupp Elevators

Mut und Rückgrat – das sind für die Managementberaterin Anja Förster zwei grundlegende Eigenschaften, um Erfolg abseits ausgetretener Pfade zu haben. Im Vorfeld des Rottweiler Unternehmensforums (siehe Kasten) erläutert sie im Econo-Interview warum der Testturm eine Chance ist und wie man diese für sich nutzen kann.

Anja Förster: Von ThyssenKrupp kam sinngemäß die Aussage: "Wir bauen nur einen Turm, was daraus entsteht, liegt in euren Händen …"

Was fällt einer professionellen Querdenkerin dazu ein, Frau Förster?

Förster: Wenn das so ist, wäre das ein bisschen kurz gesprungen. Besser wäre es zu sagen: „Wir bauen einen genialen Turm – lass uns mal zusammen überlegen, wie wir damit etwas Cooles für die Region auf die Beine stellen können.“

Denn zunächst einmal ist der Turm ja nur ein Turm. Nicht gut, nicht schlecht. Er ist einfach da. Es ist ein bisschen so wie mit der Elektrizität. Sie können sie dazu benutzen, Menschen zu töten oder aber morgens ihr Frühstücksbrot zu toasten. Sie können den Turm dazu missbrauchen, um dessen „Bedrohung“ in Endlosmeetings zu zerreden. Oder Sie können ihn nutzen, um gemeinschaftlich in der Region etwas zu bewegen.

Wie sollte ein Unternehmer vorgehen, wenn er den Turm in sein Marketing einbeziehen will oder sogar ein neues, erweitertes Geschäftsmodell darauf basierend entwickeln möchte?

Förster: Die Frage impliziert, dass es eine allgemeingültige Antwort geben würde. Aber die gibt es nicht, sondern es hängt davon ab, von welcher Branche wir reden.

In Hotellerie, Gastronomie, für Verkehrsbetriebe und Taxi-unternehmen, um nur mal einige Branchen zu nennen, ist der Einbeziehungseffekt direkt und unmittelbar. In anderen Branchen wird der Effekt eher indirekt sein. Aber gleich, ob direkte oder indirekte Auswirkung: Der Dreh- und Angelpunkt für erfolgreiche neue Angebote ist immer der Kundennutzen. Der muss bei jedem neuen oder erweiterten Geschäftsmodell der Leitgedanke sein, sonst funktioniert es nicht.

Wer aber mehr als die Silhouette des Turms auf seinem Briefpapier möchte, der muss querdenken. In aller Kürze: Wie wird man zum Querdenker?

Förster: Zum Querdenken braucht es vier Dinge. Erstens, einen unvoreingenommenen Blick auf bestehende Märkte und Zielgruppen. Zweitens den Mut, Branchendogmen konsequent infrage zu stellen. Drittens das Rückgrat, Neues auch umzusetzen, oftmals gegen die institutionalisierte Bedenkenträger. Und viertens eine gehörige Portion Sturheit.

Querdenker glauben an ihre Idee und setzen sie durch.

Sie sagen, die Welt werde immer bunter, schneller, unvorhersehbarer und chaotischer. Wie bekommt der normale Mittelständler ohne großen Stab, aber mit haufenweise Arbeit, den Kopf frei für Gedankenspiele?

Förster: Vorsicht vor dem "Ich-bin-zu-beschäftigt-Syndrom". Es fühlt sich gut an, aber es macht uns schwach, denn es lässt uns keine Antworten auf die Herausforderungen der Zukunft finden. Um die aufzuspüren, brauchen Sie Kraft und Zeit zum Denken, zum Aufspüren unterschiedlicher Reize und zum Austausch mit spannenden Menschen. Dafür sollten Sie sich Zeit nehmen. Und gleichzeitig den unnötigen Mist aus Ihrem Leben streichen.

Abschließend: Warum geht von Türmen eigentlich eine derartige Faszination aus?

Förster: Es gibt seit jeher einen Urtrieb, nach oben zu klettern, in die Höhe zu bauen, Türme zu errichten. Die Faszination liegt daran, dass „oben“ im Gegensatz zu „unten“ immer als positiv und erstrebenswert empfunden wird. In diesem Sinne: Auf geht’s!

Foto: Förster & Kreuz

Anja Förster

ist eine Hälfte des so viel beschäftigten wie renommierten Beratungs- und Buchautoren-Duos Förster & Kreuz

5 Mega-Turmbau zu Rottweil

Zwei Diskussionsbeiträge der Econo-Redakteure Dirk Werner und Philipp Peters

Foto: Illustration ThyssenKrupp Elevators

Thyssen-Krupp-Aufzüge plant einen Forschungsbau – mit 235 Metern Höhe. Ein Projekt mit Chancen für die ganze Region oder nur blanker Unsinn? Die Econo-Redakteure Dirk Werner und Philipp Peters diskutieren das Für und Wider.

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