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Schlaflos in Tuttlingen

Econo Klassiker: Prof. Dr. Dr. Dr. Michael Ungethüm arbeitet viel. Sein Lohn: Er hat den Medizintechnikhersteller Aesculap reanimiert. Und seinen Lebenstraum verwirklicht. Nun geht er in den Ruhestand.

Den Morgen im Büro genießt Prof. Dr. Dr. Dr. Michael Ungethüm ganz besonders. Ausführlich liest der Vorstandsvorsitzende von Aesculap Zeitung, beantwortet in Ruhe E-Mails aus Fernost oder Amerika. In den umliegenden Büros herrscht Stille. Ungethüm sitzt morgens ab fünf Uhr an seinem Schreibtisch. Für gewöhnlich verlässt er ihn gegen 19.30 Uhr wieder. "Ich gehe jeden Tag gleich gerne ins Büro."

Lieber arbeiten als schlafen. Er hat bis heute mehr als einhundertfünfzig Publikation veröffentlicht. Und Aesculap reanimiert.

Zum 1. April wird Ungethüm sein Büro räumen. Nach 32 Jahren. Er ist 65 Jahre alt und geht in den Ruhestand. "Es wird Zeit - auch damit mal wieder ein neuer Geist weht." Im März wird er zum letzten Mal am Stammsitz in Tuttlingen eine Betriebsversammlung leiten; es ist die fünfundfünfzigste. "Ich weiß gar nicht mehr so richtig, was ich sagen soll." Seine jungenhaften Augen blitzen. Natürlich kokettiert Ungethüm; um wohlgesetzte Worte ist er nie verlegen.

Als er zum ersten Mal zu Aesculap kommt, verschlägt es ihm schier die Sprache. Die Gebäude dominieren das Antlitz der Stadt. Und sind in einen düsteren Tarnanstrich gehüllt, ein Erbe des Zweiten Weltkriegs. Ungethüm kommt im Jahr 1972. "Es war schlimm, kaum vorstellbar."

Die Gegensätze können kaum größer sein. Ungethüm ist ein aufstrebender Wissenschaftler. Seit dem die VDI-Nachrichten über seine Forschungen in der Prothetik berichteten, erhält er täglich Anfragen. Aesculap dümpelt, es werden nur bewährte OP-Instrumente hergestellt. Das Konstruktionsbüro ist eine bessere Abstellkammer. 1867 von Gottfried Jetter gegründet, ist die AG das Herz der Medizintechnik in Tuttlingen. Aber es schlägt nur noch schwach.

Georg Ludwig Braun will das Herz stärken, hat die Mehrheit an der AG übernommen. Braun trägt frisch die Verantwortung für den Medizindienstleister B Braun Melsungen. In Ungethüm findet er einen Seelenverwandten; Braun ist wenige Tage jünger.

1977 übernimmt Ungethüm die Verantwortung für den Bereich Forschung & Entwicklung bei Aesculap. Er muss ihn komplett neu aufbauen, will als Standbein die Gelenkprothesen etablieren. Keine leichte Aufgabe. Auch weil die Mitarbeiter nicht überzeugt sind. "Als ich einen Reinraum einbauen ließ, hat man mich für verrückt erklärt." Er lächelt. Der Erfolg spricht für sich. Als Ungethüm kommt, setzt die AG 120 Millionen Mark um. Im Jahr 2008 sind es rund 1,1 Milliarden Euro. Jährlich erhalten mehr als 100 000 Patienten Prothesen aus dem Hause Aesculap, dazu wird Medizintechnik aller Art hergestellt. Man gilt als Schrittmacher. 8500 Mitarbeiter sind beschäftigt, 2000 davon in Tuttlingen.

"In 32 Jahren gab es keine betriebs-bedingten Kündigungen, keine Kurzarbeit." Eine kurze Pause, seine Augen blitzen wieder: "Es ist nicht schlecht gelaufen." Braun weiß, was er an Ungethüm hat. Deshalb macht er ihn 1983 zum Vorstand, beteiligt ihn am Unternehmen. Holt ihn 1996 in den Vorstand von B Braun. Alles um Ungethüm zu halten. Er schafft es über 32 Jahre. Und Ungethüm bedankt sich für die Freiheit, seine Faszination von der Vereinigung von Technik und Medizin ausleben zu können, mit einem Satz: "Aesculap ist mein Leben!"

Was trotz Arbeitszeiten jenseits der fünfzehn Stunden nicht stimmt. Er ist 36 Jahre verheiratet, glücklich. Er hat zwei Kinder und eine Stiftung, ließ eine Kapelle bauen, kümmert sich um Kunstprojekte, soziale Einrichtungen. Überall hat er Geld gegeben: "Ich brauche kaum etwas." Zudem begleitet er den Aufbau der Hochschul-Außenstelle Tuttlingen. Und hat für zwei neue Bücher das Material recherchiert. Er kokettiert: "Ab April brauche ich wohl nicht mehr ab fünf am Schreibtisch zu sitzen." Er wird es weiterhin, nur in einem anderen Gebäude.

Prof. Dr. med. habil. Dr.-Ing. Dr. med. h.c.Michael Ungethüm wird am 8. September 1943 in München geboren. Seine Mutter ist Kriegswitwe, muss drei Kinder durchbringen. Da steht eine solide Ausbildung im Vordergrund, an studieren ist nicht zu denken. Der junge Ungethüm lernt Maschinenschlosser. Bereits da fällt sein Ehrgeiz auf: Er ist der beste Lehrling Oberbayerns. Auf dem zweiten Bildungsweg macht er das Abitur nach, studiert in München Maschinenbau. Und braucht schon zu diesem Zeitpunkt wenig Schlaf: Tagsüber wird studiert, nachts verdient sich Ungethüm den Lebensunterhalt als Maschinen-Operator bei Siemens.

Über diesen Kontakt kommt er Anfang der 1970er-Jahre an das Thema seiner Diplomarbeit: Die Eignung von Werkstoffen für künstliche Hüftgelenke. Ungethüm ist der erste Forscher in Deutschland, der dieses Thema aufgreift. Und es weckt in ihm die Faszination für die Verbindung von Technik und Medizin.

Sein Nachfolger bei Aesculap wird Dr. Hanns-Peter Knaebel, 40. Der gebürtige Stuttgarter und dreifache Vater ist seit 2008 bei der AG.

Das Porträt erschien zuerst in der Print-Ausgabe von Econo im März 2009.

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