Foto: Jigal Fichtner für Econo

Ein Charakterkopf

Helmut Raaf ist Schuhhändler. Eigentlich. Denn der 67-Jährige hat die Stadt Nagold mit seinem Beharrungsvermögen geprägt – was zum Vergleich mit Martin Luther führte und sogar zum Sitzstreik

Helmut Raaf fischt einen Zettel aus einem Stapel Papier vor ihm auf dem Schreibtisch, dazu einen Stift, notiert kurz etwas, tippt dann auf dem Display seines Smartphones eine Nachricht. "Entschuldigung", flechtet er eine Erklärung in sein Tun ein: "Ein Seglerfreund braucht dringend eine Information. Der liegt gerade vor Kroatien."

Der Vorgang dauert nur wenige Sekunden, sagt aber sehr viel aus über den Menschen: Raaf ist ein Macher. Zwar kann der groß gewachsene Mann mit dem Charakterkopf auch wunderbar dozieren, doch darüber vergisst er das Anpacken nicht. Und Raaf ist bestens vernetzt. Beides ist wichtig, um den Erfolg der Einkaufsstadt Nagold zu verstehen. Ein Thema, auf das er beinahe immer nach wenigen Sätzen zu sprechen kommt. Doch dazu gleich mehr.

Um den Menschen Raaf zu verstehen, muss man nämlich zunächst ein wenig mehr über seine Familie wissen. Immerhin sind die pietistisch geprägten Raafs seit dem Jahr 1376 in der Stadt verbrieft, gearbeitet wurde häufig außerhalb, gerne als Schuhmacher. Auch der Großvater Christian Raaf lernte das Schuhmacherhandwerk, begab sich wie üblich auf die Walz, arbeitete in Stuttgart und erhielt schließlich 1919 die Chance, ein eigenes Geschäft in der bis heute genutzten Marktstraße 33 in Nagold zu eröffnen. Die Zeiten waren nicht einfach, doch der Betrieb nährte die Familie. Prinzipiell gilt das seit 99 Jahren.

Die Herausforderungen, um die der passionierte Segler Helmut Raaf und sein Bruder Eberhard sowie Karola Raaf als aktuelle Geschäftsführer herum zu navigieren haben, sind zwar gänzlich andere. Aber es bleiben eben Herausforderungen: "Der Handel insgesamt hat zu wenig seine Kernzielgruppe im Fokus. Dafür muss man sich auch mal trauen, aus dem Mainstream auszubrechen."

Das bedeutet konkret: Bei Raaf läuft das Geschäft breiter aufgestellt, mit einer Quick-Schuh-Filiale gleich neben dem von der Familie "Schuhschachtel" titulierten Haupthaus und hochwertigen Schuhen im Stammgeschäft. Hinzu kommt eine Filiale in Altensteig. "Unsere Zielgruppe sind qualitäts-und komfortorientierte Kunden, die jungen Leute kaufen Schuhe ohnehin entweder im Sportgeschäft oder gleich online", erläutert Raaf: "Die Füße verändern sich mit dem Alter, viele unserer Kunden können sich deshalb nicht einfach Schuhe bestellen." Und zack, hatten Raafs ihre Nische.

Eberhard Raaf verantwortet die bestens frequentierte Orthopädie-Schuhtechnik-Abteilung, Karola Raaf den Einkauf bei führenden Schuh-Herstellern, insgesamt umfasst das Team 20 Köpfe - "man muss die Mitarbeiter genauso wertschätzen wie seine Kunden. Immerhin haben beide direkten Kontakt miteinander!" Im Raaf-Geschäft gibt es klassische Lederschuhe für Männer und Frauen ebenso wie modische Sneaker oder Bequemschuhe samt diskreter Beratung für Kunden mit Diabetes.

Und der Online-Handel, zu dem so viele Experten dem Handel raten? Selbstverständlich haben den die Raafs im Blick. Auf zwei Plattformen ist man präsent, zehn Prozent des Umsatzes werden damit erwirtschaftet. Helmut Raaf: "Man sammelt gute Erfahrungen, aber zwei Dinge kann man nicht digitalisieren: Das Einkaufserlebnis in der Innenstadt und das Vertrauen der Kunden."

Die Nische hat Raaf gefunden – und damit zurück zum Charakterkopf und seinem Lieblingsthema – eben weil er gut vernetzt und stets offen ist. Und weil er eine gewisses Maß ein Sturheit besitzt. Raaf selbst umschreibt es eher als ein auf dem christlichem Glauben fußendes Pflichtbewusstsein. So oder so: Ohne diese Sturheit und/oder Pflichtbewusstsein wäre Nagold heute nicht in dieser herausragenden Position als Einkaufsstadt.

Immerhin war Raaf 26 Jahre Vorsitzender des Gewerbevereins, er hat viele Entscheidungen in Sachen Verkehrsberuhigung oder Cityverein vorangetrieben. Raafs Bemühungen um ein einheitliches, geschlossenes Auftreten des Handels wurden sogar in einer Karikatur verewigt: Er wird als Martin Luther überzeichnet, der seine "Kaufhaus Nagold"-Thesen an eine Holztür nagelt. Und sie mündeten in einer beinahe legendären Demo samt Sitzstreik gegen eine Tiefgaragen-Einfahrt inmitten der fußgängerfreundlichen Altstadt - natürlich mit Sesseln der Marke Rolf Benz. Der gleichnamige Gründer ist noch so ein Nagolder Original.

Womit Raafs These zum Erfolg Nagolds bewiesen wäre: In der Stadt wird mit-, kaum gegeneinander gearbeitet, selbst beim Sitzstreik. Die meisten Händler wohnen noch im Städtle, erleben also als Einwohner, wie man sich dort fühlt. Man investiert ohne die Renditeerwartungen eines Investors und im Gemeinderat zählt Vertrauen mehr als Parteipolitik. Kurzum: "Es gibt so etwas wie den ,Nagolder Geist': Man stellt das Wohl der Stadt über die eigenen Interessen. Am Ende zahlt sich das aus", sinniert Helmut Raaf, bevor er am Espresso nippt.

Während er nippt, fällt der Blick auf eine Postkarte in seinem Büro: "Man verbringt insgesamt viel zu wenig Zeit am Meer", steht darauf. Eigentlich müsste man jetzt den Stift nehmen und "Meer" durch "Ufer der Nagold" ersetzen, weil man dort verstehen lernt, wie moderne Einkaufsstädte eine Zukunft haben können.

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