Mundschutz statt Wäsche

Die Textilhersteller Trigema und Mey Bodywear stellen teilweise ihre Produktionen um – bei Dach in Rastatt zeigt man sich skeptisch: "Das hilft vielleicht gegen Sonne." Nun steigt auch Mahle in die Produktion ein – mit einem besonderen Partner. Und bei Carl Meiser setzt man auf die Schwarmintelligenz

 
Foto: Trigema (Screenshot)
 

Burladingen/Albstadt/Ratsatt/Willstätt. Ein Mundschutz ist eigentlich auch nicht viel mehr als ein zusammengenähtes Stück Stoff. Das jedenfalls haben sich in der aktuellen Situation Wäschehersteller im Land überlegt – oder wie es Trigema-Inhaber Wolfgang Grupp gewohnt treffend formuliert: "Das können wir locker zusammennähen."

In der vergangenen Woche hat Grupp bereits Muster in seiner Näherei in Burladingen fertigen lassen und an Kliniken zum Testen gesendet. Die Rückmeldungen seinen positiv gewesen und die Produktion wurde gestartet: In einem ersten Schritt sollen laut einem Pressebericht bei Trigema 10.000 Mundschutzmasken für das Zollernalb Klinikum genäht werden, anschließend soll die Kapazität auf 100.000 Masken pro Woche erhöht werden. Immerhin lassen sich die Masken als Zehnerpack auch bereits im Onlinestore von Trigema vorbestellen – der Liefertermin wird indes erst nach Ostern genannt. Zudem ist dort ein Haftungsausschluss hinterlegt und es wird auf die fehlende Zertifizierung hingewiesen.

Wobei der Prüfkonzern Dekra aus Stuttgart inzwischen die Kapazitäten aufgebaut hat, um im Rahmen eines vom Gesetzgeber vorangetriebenen neuen, vereinfachten und schnelleren Prüfverfahrens Spezialmasken für Corona-Anwendungen testen zu können.

Ganz ähnlich wie Grupp geht auch Mey Bodywear in Albstadt vor: Wo sonst feine Wäsche entsteht, werden künftig auch Mund- und Nasenschutzmasken genäht. "Wir hoffen, mit dieser Maßnahme einen kleinen Beitrag im Kampf gegen das Coronavirus leisten zu können", sagt Matthias Mey, geschäftsführender Gesellschafter der Mey-Gruppe.

In den vergangenen Tagen habe es immer wieder Anfragen von medizinischen Einrichtungen gegeben, deshalb habe man reagiert. Unklar ist noch, welche Kapazitäten bei Mey eingerichtet werden. Klar ist aber: Die Produkte bestehen aus Baumwolle und sollen bei 90 Grad waschbar sein, damit sie mehrfach verwendet werden können. Im Onlineshop werden die Produkte nicht angeboten, sondern ausschließlich im Direktvertrieb an Kliniken und medizinische Einrichtungen ausgeliefert.

Und offenkundig reagieren immer mehr Stoffspezialisten auf die erhöhten Anforderungen: So hat Medima in Albstadt eine Produktionslinie aufgebaut und fertigt im ersten Schritt 5000 Masken pro Woche, später soll der Austoß erhöht werden. Eigentlich ist Medima für wärmende Unterwäsche aus Angora bekannt.

Einen ganz anderen Hintergrund hat Apelt aus Oberkirch: Das Familienunternehmen entwirft und produziert seit Jahrzehnten feinste Dekostoffe, Kissen, Tischdecken und ähnliches. Nun gaben die Oberkircher per Rundmail bekannt, ebenfalls Masken produzieren zu wollen.

Das Engagement erscheint auch deshalb sinnvoll, weil erste Gerüchte die Runde machen, speziell in Südbaden werde bereits Bettwäsche zerschnitten, um diese zu provisorischen Masken umzuarbeiten. Eine Tageszeitung hat darüber berichtet – egal ob richtig oder falsch, ein wichtiges Signal scheint der Einstieg der Unternehmen in die Maskenproduktion jedenfalls zu sein.

Mit Skepsis wird dieses Nähen dagegen bei Dach in Rastatt registiert. Das 1996 gegründete Unternehmen ist heute einer der führenden Anbieter von Einwegschutzkleidung und exportiert weltweit – und ist aktuell gefragt wie nie. Gründerin und Geschäftsführerin Ming Gutsche baut deshalb die Produktion aus, will mit einer neuen Produktionslinie in Kürze Kapazitäten bei der Herstellung von Masken bei "weit mehr als eine Million täglich" erreichen. Erst 2018 wurden mehr als sechs Millionen Euro in einen 22.000 Quadratmeter großen Neubau investiert.

Zu den Aktivitäten der Wäschehersteller hat Gutsche eine klare Meinung: "Die helfen vielleicht bei Kälte oder Sonne, aber nicht gegen Viren." Schließlich würde diesen einfachen Masken ein entscheidendes Teil fehlen: der Filter. Das sei gerade beim Schutz gegen Viren "wie ein Auto ohne Motor", wie sie "Spiegel Online" sagte. Ihrer Einschätzung nach könnte der Einsatz in Kliniken und ähnlichen Einrichtungen deshalb auch gefährlich sein.

Grupp hingegen hält an seinem Vorhaben fest und hat laut Presseberichten bereits ein Prüflabor eingeschaltet, das die Wirksamkeit zertifzieren solle. Auch hier zeigen sich Fachleute skeptisch, weil das Labor wohl nicht über die nötige Expertise verfüge.

Der Mahle Konzern geht indes einen anderen Weg: Die Autozulieferer hat schließlich Erfahrung mit der Herstellung von Filtermedien, die eigentlich die Innenräume von Fahrzeugen vor Verschmutzung schützen – doch die halten eben auch Viren ab, sind damit FFP3-tauglich und können ergo im medizinischen Bereich eingesetzt werden.

Allerdings hat man bei Mahle keine Nähmaschinen. Deshalb hat man sich mit Triumph aus Bad Zurzach zusammengetan. Das Unternehmen ist eigentlich für besonderes feine Unterwäsche bekannt, stellt nun aber ebenfalls Teile der Produktion um: "Innerhalb kürzester Zeit haben wir gemeinsam die Machbarkeit der Herstellung geprüft, Prototypen gefertigt, die Lieferkette und den Produktionsprozess aufgesetzt. Das steht für ein herausragendes Engagement aller Beteiligten, denen ich an dieser Stelle herzlich danken möchte", so Jörg Stratmann, CEO und Vorsitzender der Konzern-Geschäftsführung von Mahle. Der Mundschutz wird ab sofort produziert und "an behördliche Stellen" geliefert.

Mahle prüft parallel, ob man zusätzliche Eigenprodukte von warumgeformten Masken sowie den Einsatz von 3D-Druckern zur Komponentenherstellung von Atemschutzmasken und weiteres medizinisches Equipment.

Ebenfalls einen ganz eigenen Weg geht man bei Carl Meiser in Albstadt: Das 1951 als Wäscherhersteller gegründete Unternehmen ist heute vor allem ein führender Hersteller von technischen Textilien für Fahrzeuge oder auch die Luftfahrt. Deshalb wollte Firmenchef Jens Meiser auch nicht einfach "nur" einen Mundschutz aus Baumwolle produzieren. Immerhin verfügt er über einen Spezialstoff mit mikroporöser Beschichtung aus Kunststoff – ließe sich daraus nicht eine Maske fertigen?

Diese Frage stellte er nicht nur sich und dem Team, sondern teilte die Idee auch in den sozialen Medien – der Erfolg der Mission Schwarmintelligenz: Innerhalb weniger Tage gab es 80.000 Interaktionen, aus denen sich 50 Kontakte herauskristallisierten, die dazu beitragen, das Projekt voranzubringen. Meiser sieht sich jedenfalls in seinem Kurs bestätigt und steigt in die Produktion ein.

Mit Atemmasken hat das Unternehmen Philipp Kirsch nichts zu tun: 1865 wurde der Hersteller von Kühlgeräten für Kliniken, Apotheken und die Pharmaindustrie bereits gegründet – und in diesen Tagen haben die 80 Mitarbeiter besonders gut zu tun. Aktuell entsteht in einer Berliner Messehalle eine Klinik für tausend Infizierte, die ebenfalls von dem Unternehmen aus Willstätt ausgestattet wird. "Wir haben Anfragen von Klinikverbünden und Laboratorien aus der ganzen Welt", so Geschäftsführer Jochen Kopitzke auf econo-Anfrage.

Die aufgrund der Pandemie zusätzlich angefragten Geräte beziffert er auf eine dreistellige Zahl. Wobei Kopitzke durchaus die Marktwirtschaft außer Kraft setzt: Trotz gestiegener Nachfrage bei geringem Angebot wird er die Preise konstant halten. Zudem will er die Bestellungen von Pandemiekliniken und ähnlichen Einrichtungen schneller in die Produktion und zur Auslieferung bringen – "ich hoffe, die Lieferketten halten und alle Mitarbeiter an Bord bleiben gesund".

Teilen auf

Das könnte Sie auch interessieren