„Wir bleiben wild!“

Der „Kreativpark Lokhalle“ und die dazugehörige Betreibergesellschaft Grünhof sind eine feste Größe in der Südbadischen Startup- und Kreativszene. Initiatorin und Co-Geschäftsführerin Martina Knittel spricht im econo-Interview über Profitabilität und eigene prekäre Verhältnisse, das Abenteuer des ersten Jahres, Kooperationen mit EGT oder Alnatura und wie es nun weitergeht

 
Foto: Jigal Fichtner für econo
 

Das Coworking- und Startupzentrum "Kreativpark Lokhalle" im Norden von Freiburg ist rund ein Jahr alt. Ist das Projekt gut aus dem Bahnhof gekommen, Frau Knittel?

Martina Knittel:
(lacht) Wenn man es so ausdrücken will. Aber im Ernst: Wir haben wilde und spannende Monate hinter uns und natürlich viele Erfahrungen gemacht. Insgesamt sind wir aber mehr als zufrieden!

Was war besonders spannend?

Knittel:
Ganz unterschiedliche Themen - von der Herausforderung, die Gastronomie im ungeheizten Hallenteil durch die kühlen Monate zu bekommen, bis zum Überblick bei den vielen Einzelsträngen unserer Aktivitäten wie dem "Smart Green" Startup Accelerator und dem Wirrwarr an Fördermöglichkeiten.

Insgesamt profitierte das Team aber von den Erfahrungen beim "Grünhof"-Projekt...

Knittel:
Das seit Oktober 2013 bestehende kleine "Grünhof"-Coworking in der Nähe von Hauptbahnhof und dem Gebäude der IHK Breisgau-Hochschwarzwald in Freiburg war als Keimzelle natürlich eine wichtige Erfahrung, die uns bei der Konzeption des "Kreativpark Lokhalle" geholfen hat. Übrigens: Wir hatten uns dieses Areal schon mal im Jahr 2010 angeschaut und erste Gedanken skizziert, wie man was machen könnte. Schlussendlich haben wir die Überlegungen dann aber verworfen. Es war damals schlicht nicht realisierbar - und ich bin froh, dass wir diese Einsicht hatten (schmunzelt).

Wenn der "Kreativpark Lokhalle" so gut durchdacht gestartet ist – arbeitet das Projekt dann auch profitabel?

Knittel:
Wir arbeiten schon seit den ersten "Grünhof"-Tagen profitabel!

Für ein solches Projekt eher ungewöhnlich...

Knittel:
Die Frage ist eher: Wie haben wir diese Profitabilität "erkauft"? Mein Partner Hagen Krohn und ich hatten mehrere Jahre auf marktübliche Löhne verzichtet und bekamen dabei immer mal wieder Bauchschmerzen bei der Betrachtung unseres Cash Flows. Schlussendlich ging es aber immer gut aus.

Dennoch, vor diesem Hintergrund ein Großprojekt in einem unter Denkmalschutz stehenden Gebäude zu wagen und ein Indoor-Containerdorf auf 1600 Quadratmetern Fläche mitsamt Paket an Dienstleistungen aufzuziehen erfordert Mut.

Knittel:
Ehrlich gesagt hat der "Grünhof" am Bahnhof mehr Mut erfordert, weil für uns viel mehr auf dem Spiel stand: Wäre es gescheitert, dann hätten Hagen Krohn und ich auch privat alles verloren. Das Geschäftsmodell war schlicht weniger stabil die Zahl der zu mietenden Arbeitsplätze war niedriger. Alles war finanziell auf Kante genäht. Jetzt ist das Projekt zwar um einige Stufen größer, aber das gefühlte Risiko geringer. Damit können wir gut leben (schmunzelt).

Das Risiko ist auch geringer, weil die wirtschaftliche Basis breiter geworden ist?

Knittel:
Richtig. Coworking und Veranstaltungen sind nur noch ein Teil unserer Aktivitäten, ein sehr wichtiger Teil ist die Startup Förderung sowie die Begleitung etablierter Unternehmen bei ihren Innovationsbestrebungen. Alles hängt bei diesem Dreiklang irgendwie miteinander zusammen und baut aufeinander auf. Da macht am Ende den Erfolg aus.

Welchen Anteil am Umsatz hat welcher Ton des Dreiklangs?

Knittel:
Grob gesagt entfallen auf Coworking und Events 40 Prozent, ebenso auf die Startupförderung und 20 Prozent auf den Bereich Innovationsberatung.

Für den Außenstehenden ist das Gesamtkonstrukt "Grünhof" schwer zu überblicken... Wie ist eigentlich die Struktur?

Knittel:
Die Grünhof GmbH organisiert die Vermietung der Arbeitsplätze sowie der Räume und verantwortet die Innovationsprogramme mit den Unternehmen. Der Grünhof e.V. Verein für gesellschaftliche Innovationen unterstützt und begleitet gemeinnützige Projekte sowie sozial-ökologische Initiativen. Zudem gibt es neben kleineren Initiativen wie dem "Machathon" oder der Praktikumsvermittlung "Unternehmenslust" auch unseren "Smart Green Accelerator", der inzwischen bundesweit einer der führenden Startup Akteure im Bereich der Green Economy ist.
Doch egal wie die Struktur im Detail ist: Wichtig ist uns generell, gesellschaftliche Entwicklungen sowie eine Startup-Kultur zu fördern und zusätzlich etablierten Unternehmen durch ein Matching Chancen zu bieten.

Gibt es bereits Erfolge dieser Matching-Strategie?

Knittel:
Klar! Beispielsweise kooperieren die EWS Schönau mit den Startups Voltstorage und Oxygen Technologies, um ein neues Produkt im Bereich der dezentralen Energieversorgung auf den Weg zu bringen. Und im Rahmen einer Crowdfunding-Kampagne unseres Accelerator-Programms wird eine Marketingstrategie aufgebaut, damit das Mobilfunk-Startup Wetell Anbietern wie Aldi Talk künftig eine nachhaltige Alternative entgegensetzen kann.

Wie ist es mit weiteren Partnern?

Knittel:
Die Bandbreite der Unternehmen, die sich für unsere Aktivitäten rund um Green Economy interessieren, ist tatsächlich sehr breit. Das reicht von der genannten EWS Schönau über die EGT Gruppe, Alnatura, Pfizer Healthcare bis zu Greenpeace Energy und Beton Müller. All diese Unternehmen wollen sich über die Kooperatione mit Startups neue Technologien ins Unternehmen holen und damit neue Märkte erschließen. Dass das gut funktioniert konnten wir bereits beweisen.

Was könnt Ihr denn den Startups bieten?

Knittel:
Neben der Beratung zu Produktentwicklung, Geschäftsmodell, Vertriebsstrategie und Finanzarchitektur sorgen wir dafür, dass Sie über unsere Unternehmenspartner mit starken Partnern in den Markt kommen, Referenzprojekte aufbauen und erste Umsätze generieren. Daneben bieten wir mit "Start-up BW Pre-Seed" einen eigenen, innovativen Fonds, der Startups ein Wandeldarlehen über 200.000 Euro gewährt und Business Angels die Möglichkeit bietet, mit einem relativ überschaubaren finanziellen Aufwand zwischen 40.000 und 80.000 Euro Erfahrungen mit Beteiligungen zu sammeln.

Wie geht es in den nächsten Jahren weiter?

Knittel:
Wir werden vor allem den Bereich der Innovationsberatung weiter stärken und zusätzlich eine neue Branche ab dem kommenden Jahr in unsere Arbeit einbeziehen. Daneben denken wir über zusätzliche Flächen und eventuell weitere Standorte nach, um Gründer auch über die weiteren Wachstumsphasen räumlich weiter begleiten zu können.

Rund um "Grünhof" und "Kreativpark Lokhalle" geht es künftig also gesetzter zu?

Knittel:
Sagen wir es so: Wir professionalisieren uns immer weiter – aber wir bleiben wild! (lacht)

Besten Dank für das Gespräch, Frau Knittel!



Martina Knittel ist eine der treibenden Kräfte hinter dem "Grünhof"-Konstrukt (mehr darüber erfahren Sie hier). Zusammen mit Hagen Krohn hat sie im Oktober 2013 das erste Coworking eröffnet - weil es nichts vergleichbares gab, was sie aus anderen Großstädten kannte und sie nicht aus Freiburg wegziehen wollte, um so arbeiten zu können. Inzwischen ist die 37-jährige Co-Geschäftsführerin bei der Grünhof GmbH und im 15-köpfigen Team fürs Netzwerk und die Finanzierung verantwortlich. Zuvor war sie Mit-Initiatorin des Sozialprojekts Bookbridge, das sich über Bücherspenden für Bildungsgleichheit einsetzt.

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