Die Sihn-Krise

Der Autozulieferer ist erneut insolvent. Es ist der Tiefpunkt jahrelanger Sanierungsmaßnahmen. Während der Insolvenzverwalter zurückhaltend bleibt, ist die IG Metall optimistischer

 
Foto: IG Metall Pforzheim
 

Mühlacker. Irgendwie passt das nicht so recht zusammen: Sihn zählt zu den Marktführern bei der Herstellung von Ringstücken und Hohlschrauben für den Automobil- und Nutzfahrzeugbereich. Fast alle großen Konzerne setzen auf die millionenfach produzierten Teile. Die Auftragsbücher sind dem Vernehmen nach gut gefüllt. Doch wirtschaftlich bekommt die GmbH offenkundig keinen Fuß auf den Boden.

Jetzt hat Sihn Insolvenz anmelden müssen, zum zweiten Mal nach 2011. Entgegen den üblichen Gepflogenheiten gibt sich der vorläufige Insolvenzverwalter Marc Schmidt-Thieme eher verhalten, was die Zukunft angeht: Man müsse zunächst die Frage klären, wie man die Produktion aufrecht erhalten könne. Und wie man das Insolvenzgeld vorfinanziert bekomme. Alle weiteren Fragen rund um eine mögliche Sanierung müssten hintenanstehen.

Damit ist die aktuelle Lage tatsächlich der vorläufige Tiefpunkt einer jahrelangen Entwicklung, die von drei Aspekten dominiert wird:

1.) Der Neustart 2012 wurde von zwei Hauptgesellschaftern – angestoßen von den Hauptkunden – geschultert, der Tyrol Equity (50,1 Prozent) und den damalige Geschäftsführern Jürgen A. Neumann und Christoph Reuter (49,9 Prozent). Allerdings sind letztere bereits 2014 wieder ausgeschieden und Tyrol hat sich Mitte 2017 aufgrund eigener Probleme von den Anteilen verabschiedet. Generell hat ein stete Hin und Her bei Geschäftsführern und Gesellschaftern nach Angaben aus Unternehmenskreisen das Vertrauen von Mitarbeitern und Kunden nicht gesteigert.

2.) Die Strukturen in Produktion und IT der früheren RSN Sihn in Niefern-Öschelbronn entsprachen zum Neustart 2012 schlicht nicht mehr den Anforderungen. In den Bilanzen ziehen sich die Aufwendungen für Neustrukturierungen und Modernisierungen wie ein roter Faden durch – ein teurer: 2014 fiel die Entscheidung, anstelle des alten Standortes in zwei neue Produktionsstandorte in Mühlacker zu investieren. Ein Millionenaufwand, trotz Leasingverträgen. Zusätzlich wurde ein neuer Standort in Bulgarien aufgebaut. Von der IG Metall gab es dafür harsche Kritik: Das Vorhaben sei "schlecht vorbereitet" gewesen. 

3.) Die strukturellen Probleme belasteten die Bilanzen. Bereits im Jahr 2013 freute man sich zwar über ein Umsatzplus von einem Prozent auf 47,3 Millionen Euro und einem Überschuss von 385.000 Euro. Dennoch belasteten Umstrukturierungen den Cash-Flow, und ein Kontokorrentrahmen in Millionenhöhe war bis zu 80 Prozent ausgereizt. In den Folgejahren wurde es kaum besser. Der Umsatz sank wegen Problemen in der Produktion bis auf 38,9 Millionen Euro, die Überschüsse wandelten sich in Verluste von bis zu 2,8 Millionen Euro. Nötige Umstrukturierungen und Probleme beispielsweise bei der Einführung neuer Produkte wurden in jeder Bilanz als negative Aspekte angeführt. Ablesbar auch an der Zahl der Arbeitsplätze: Von 515 im Jahr 2015 sank diese auf aktuell noch 325. 

Kein Wunder also, dass die Gewerkschaft die Insolvenz recht nüchtern kommentiert: "Der Betriebsrat hat dieses Szenario schon seit längerer Zeit befürchtet." Ausschlaggebend seien "gravierende Fehler der Geschäftsführung in personellen und strategischen Entscheidungen" gewesen. Zugleich habe man von Seiten des Betriebsrates "in vielen Gesprächen Maßnahmen zu einer reibungsloseren Produktion und der Sicherung von Beschäftigung vorgeschlagen und angemahnt. Viel zu lange hat die Geschäftsführung dies ignoriert."   

Dennoch sieht man bei der IG Metall nach wie vor den Sinn in einer Sanierung von Sihn: "Die Produkte und Beschäftigten haben durchaus Potenzial für eine erfolgreiche Fortführung der Firma", wird der Betriebsratsvorsitzende Andreas Ahner zitiert.

Vor diesem Hintergrund ruhen die Hoffnung der Gewerkschafter auf Insolvenzverwalter Schmidt-Thieme: Mit ihm habe man schon gute Erfahrungen in Sachen Weiterführung gemacht. Angesichts der Zurückhaltung des Anwalts darf man gespannt sein.

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