Foto: Nico Pudimat

Waagmeister

Andreas Wilhelm Kraut führt die Bizerba-Gruppe in fünfter Generation. Das ist keine Selbstverständlichkeit: Er musste sich vor der Familie bewähren.

Das Bild von Günter Kraut hängt an der Wand neben der Eingangstür. Andreas Wilhelm Kraut hat es vom Schreibtisch aus immer im Blickfeld. Oder im übertragenen Sinne sein Vater ihn. Auch der Schreibtisch, an dem Kraut Junior sitzt, gehörte seinem Vater. "Das ist aber kein Museum, sondern schlicht der Arbeitsplatz des jeweiligen Geschäftsführers", betont der 44-Jährige CEO der Balinger Bizerba-Gruppe.

Ganz so pragmatisch, wie es sich anhören soll, ist es dann doch nicht. Denn dass AWK, wie er sich selbst in Mail-Signaturen abkürzt, heute an diesem Schreibtisch sitzt, ist beileibe keine Selbstverständlichkeit. Trotzdem er die fünfte Generation im Familienunternehmen repräsentiert. Kraut: "Natürlich standen mir die Türen offen, aber ich konnte mich dennoch nicht darauf verlassen, auch auf diesen Posten zu kommen."

Zwei Umstände sind für dieses gewisse Maß an Unwägbarkeit verantwortlich: Erstens der frühe Tod des Vaters mit 57 Jahren. Zweitens die Stärke der Familie. Kraut ist erst Anfang 20, steckt wie seine beiden Schwestern (eine davon, Nicole Hoffmeister-Kraut, ist aktuell Wirtschaftsministerin im Land geworden) mitten im Studium, als der Vater stirbt. "Für meine Mutter als Witwe mit drei Kinden war es keine leichte Entscheidung, dennoch die Anteile am Unternehmen zu behalten." Ihr hilft der Umstand, dass Günter Kraut kurz vor seinem Tod noch einen Beirat für Bizerba installiert hatte, dem unter anderem Lothar Späth angehörte.

Der Beirat unterstützte die Familie dann auch bei der Suche nach geeigneten Fremd­geschäftsführern für die kommenden gut 20 Jahre. Denn Bizerba ist schon zu dieser Zeit nicht irgendein Unternehmen. Die Balinger wurden 1866 gegründet, sind seit Ende der 1920er-Jahre Taktgeber der Waagenbranche. Kraut: "Wir haben dennoch immer Neues ausprobiert." So werkelte Bizerba auch mal an einem Fön, der die Haare per Ansaugen trocknen sollte. "Da ist nichts draus geworden", lacht Kraut in seiner offenen Art, die Augen blitzen. Auch ob aus ihm bei Bizerba etwas wird, ist wie gesagt nicht sicher.

2004 kehrt er nach fünf Jahren in anderen Unternehmen, darunter Heidelberger Druck, zurück, übernimmt die Tochter in den USA. Kraut: "Es war eine erste Bewährungsprobe." Die Familie hat ein Auge drauf, wie er sich entwickelt: "Das war aber keine Kontrolle, sondern ein reger Austausch auf Augenhöhe." An den USA findet er Gefallen, einfach aufgrund der Lebenseinstellung. Kraut: "Natürlich war die Doppeldeutigkeit des Namens 'Kraut' durchaus ein Türöffner." Hart arbeiten musste er dennoch.

Am Ende lohnte es sich, die USA sind noch immer der Motor im Auslandsgeschäft - vom Underdog zum Marktführer in fünf Jahren. Man merkt es AWK deutlich an, wie er die Zeiten, das Lebensgefühl bis heute vermisst. "Dieses 'einfach mal machen' selbst in den größten Krisen hat mich wirklich beeindruckt." Doch 2009 ruft ihn die Familie zurück in die "Blaue Moschee", wie die Bizerba-Zentrale aufgrund ihrer Architektur im Volksmund heißt. Kraut wird Mitglied der Geschäftsleitung, rückt 2011 zum CEO auf. In den Augen der Familie hat er alle Fähigkeiten, Kraut hat sich bewährt: "Dieser Rückhalt ist mir sehr wichtig."

Wobei der 44-Jährige zwei Familien in diesen Ausspruch einbezieht, seine biologische und die unternehmerische. Ein "Bizerbianer" zu sein, das zählt noch immer in Balingen. Kraut: "Chef zu sein ist keine One-Man-Show. Jeder muss sich auf jeden verlassen können." Loyalität ist das Stichwort. Der sonst so weltgewandte, eloquente CEO ringt bei dieser Einschätzung hörbar mit den Worten, so wichtig ist ihm die Feststellung.

Dass sich das Vertrauen in ihn auszahlt, lässt sich an den Kennzahlen ablesen: Seit 2001 wurden die Umsätze pro Jahr im Schnitt um acht Prozent gesteigert. In 2015 war es gar ein Plus von 19 Prozent auf 598,6 Millionen Euro. Erneut ein Rekord. Und doch hält sich Kraut mit diesen Zahlen nicht lange auf. Heuer sind zwei andere Punkte für ihn wichtig. Erstens hat die Familie Anfang 2016 alle Anteile von allen langfristigen strategischen Investoren zurückgekauft. Zweitens feiert Bizerba das 150-jährige Bestehen: "Wir haben den Rückkauf nicht speziell auf dieses Ereignis hin geplant.

Die guten Ergebnisse der vergangenen Jahre haben es uns ermöglicht." Das Jubiläum an sich feiert das Unternehmen mit einer Rundtour durch alle Niederlassungen - "In Italien hat mir ein Mitarbeiter, der seit 42 Jahren für uns arbeitet, erzählt, was er da alles erlebt hat. Solche Momente sind unbezahlbar." - und im Juli einem großen Fest am Stammsitz. Und die nächsten Jahre? In denen wird Kraut Bizerba weiter auf die Digitalisierung einstimmen, er wird die von Wäge-, Schneid- und Ettiketiermaschinen für den Lebensmittelbereich dominierte Produktpalette für weitere Branchen öffnen. Kraut: "Der Onlinehandel ist ein ungeheuer spannender Markt."

Aber bei allen Veränderungen, sein Büro wird er immer in diesem Raum mit den von Großvater und Vater gesammelten Kunstwerken in der "Blauen Moschee" haben. Und er wird nun auch die Restaurierung der Jugendstil-Villa seines Großvaters in Angriff nehmen, um darin mit seiner Familie zu wohnen. Dann ist er endgültig zurück in seiner Geburtsstadt.

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