Foto: Jigal Fichtner für econo

Mutter Rebell

Ursula Sladek war eine konservative Hausfrau. Fünf Kinder und das Haus, mehr brauchte sie nicht. Heute ist sie das Gesicht der Energiewende und ihre EWS auf dem Weg zum Konzern.

Der Blick bleibt an den Säulen in dem großen Büroraum hängen. Sie sind aus Gußeisen, tragen das typische Scheddach einer alten Fabrikhalle und ihre Säulenköpfe sind vergoldet. Blattgold zwar, aber immerhin. "Eigentlich passt das gar nicht zu uns", sagt Ursula Sladek und blickt an den Säulen hoch: "Das ist eher was für die Konzerne."

Diese kleine Spitze ist typisch für die Geschäftsführerin der Elektrizitätswerke Schönau (EWS). Für die kleine, energische Person, die zusammen mit ihrem Mann Michael seit 27 Jahren der Anti-Atombewegung ein Gesicht gibt. Der immer der Stempel "Rebell" aufgedrückt wird.

"Das ist eine Erfindung der Medien. Ich empfand mich nie als besonders rebellisch." Ursula Sladek sitzt völlig entspannt seitlich auf dem Stuhl im hellen Besprechungsraum, eine Hand liegt auf dem Tisch, hält die Lesebrille, die andere hängt über die Lehne. Ihre Aussage stimmt. Rebellisch ist nichts an ihr, als sie in den 1970er- Jahren nach Schönau zieht.

Zwar hat die 1946 Geborene Lehramt studiert. Doch eine Stelle tritt sie nie an. Stattdessen wird sie Hausfrau und Mutter, ihr Mann praktiziert als Arzt. Die Familie lebt im Grund stockkonservativ. Die Demos gegen das geplante Atomkraftwerk in Wyhl? "Waren wir nie dabei." Ökologisch leben? "Haben wir uns nicht für begeistert." Die ganzen Zusammenhänge in der Energiewirtschaft? "Haben mich nicht interessiert." Man hat den Eindruck, Ursula Sladek genießt es, am Mythos zu rütteln.

1986 explodiert der Reaktor in Tschernobyl. "Das war für uns wie eine Bombe: Schlagartig ist uns klar geworden, was die Konsequenzen dieser Energiegewinnung sind", so Sladek. Eine Politisierung im Zeitraffer. "Frau Merkel hat 25 Jahre länger gebraucht?..." Wieder so eine kleine Spitze; gesetzt, ohne die Stimme zu erheben oder aufzutrumpfen.

Sladeks Politisierung ist eine bodenständige, vieleicht sogar typisch schwarzwälderische: "Wir haben fünf Kinder! Da muss man sich drum kümmern, wie die Welt aussieht, in der sie aufwachsen."

Was folgt ist eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Die Sladeks sind Mitinitiatoren einer Bürgerinitiative. Man kümmert sich in Wettbewerben ums Energiesparen - ein Konzept, das von der damaligen konservativen Landesregierung übernommen wird - und man reakitiviert erste kleine Wasserkraftwerke.

Es folgen der Netzkauf in Schönau und mit Verve gewonnene Prozesse gegen Konzerne. Sladeks sind bundesweit bekannt. Sie sind die "Stromrebellen aus Schönau". Es folgen Auszeichnungen, Prämierungen satt, aktuell der Deutsche Umweltpreis 2013, Europas höchstdotierte Auszeichnung in diesem Segment. Aber warum erhält diesen nur sie, nicht das Ehepaar? Ursula Sladek lächelt, ihre Augen werden schmal: "Das entspricht gerade dem Zeitgeist, Frauen in den Mittelpunkt zu heben."

Der Erfolg birgt eine Gefahr. Die 1996 gegründeten Elektrizitätswerke Schönau sind selbst auf dem Weg, ein Konzern zu werden. Die Strukturen unterhalb der Holding Netzkauf EWS EG mit 3000 Gesellschaftern, die 24 Millionen Euro an Kapital eingebracht haben, sind entsprechend verzweigt. Die Dividende ist von sechs auf vier Prozent gekürzt worden, um das Eigenkapital zu stärken.

Denn die EWS sollen wachsen, wollen in Kraftwerke investieren, kooperieren mit Stadtwerken oder unterstützen Bürger und Kommunen bei deren Gründung wie jüngst in Titisee-Neustadt. Mit 135.000 Kunden ist man die Nummer drei am Markt der Ökostromanbieter, die Nummer zwei beim Preis. 2011 wurden 100 Millionen Euro umgesetzt, von denen drei Millionen als Gewinn blieben. Sladek: "Konzerne würden sich für eine solche Rendite schämen..."

Doch was ist mit der Gefahr, selbst zum Big Player zu werden, wie man einst bekämpft hat? Ursula Sladek legt die Hände auf dem Tisch zusammen, umfasst ihre Brille: "Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Wir dürfen einfach nicht unsere Ziele aus den Augen verlieren." Deshalb arbeiten bereits zwei ihrer Söhne in der EWS, die Nachfolge ist damit gesichert. Und Sladek nutzt jede Gelegenheit, um ihren Unmut über die schleppende Energiewende kundzutun. Sogar am Weltfrauentag setzte sie ihre feinen Spitzen vom Podium herab in Richtung Umweltminister Peter Altmaier. Der saß im Publikum und fühlte sich merklich unwohl.

Was nimmt Ursula Sladek mit als Erfahrung aus all den Jahren als Rebellin? "Pffff...". Sie atmet hörbar aus, überlegt kurz: "Entgegen dem, was unsere Eltern immer gesagt haben spielt Geld doch keine Rolle, um eine Idee umzusetzen. Wenn das Projekt stimmt, findet man auch Investoren." Punkt.

Übrigens: Das Blattgold an den Säulen stammt noch von den Vorbesitzern der alten Maschinenhalle. Aber einfach überpinseln wollte es Ursula Sladek im Zuge der Renovierung dann doch nicht: "Das wäre schade." Da klingt ganz die Hausfrau durch.

Das Porträt erschein zunächst in der Ausgabe September 2013 von Econo.

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