Foto: Jigal Fichtner für econo

In Gottas Namen

Manfred Gotta ist der Schöpfer von Twingo, Smart, Targobank und Megaperls. Nicht schlecht für einen, der eigentlich keine Ahnung hatte, was er machen will.

Der Hausherr empfängt den Besucher in knallblauen Lederslippern. Das Detail fällt sofort ins Auge, denn es ist das Exzentrischste an Manfred Gotta. Dem Mann, der als Namens-Papst gilt, der Twingo, Actros, Smart oder auch Megaperls erschaffen hat. Und der in einem einsamen Tal im Schwarzwald in einem Weiler mit wenigen Häusern direkt am Rand der bemitleidenswert schlechten Landstraße wohnt.

Gotta gelingt so ein wunderbarer Bruch zwischen ländlicher Idylle und der schillernden Werbewelt."Mir hat es hier einfach gefallen", begründet Gotta seinen Hauskauf. Man kann auch sagen: Er ist hier mit seiner Familie angekommen.

Denn Gotta beginnt zunächst klassisch. Oder eher nicht ganz klassisch: "Ich hatte nach dem Abi keine Ahnung, was ich machen wollte. Wirklich gar keine", plaudert er zwischen zwei Schluck Filterkaffee aus der Blümchentasse im Esszimmer. "Mit Mühe" kommt er schließlich über Freunde bei einer Agentur in Frankfurt unter. So verdient er tagsüber etwas Geld, abends geht er zur Werbefachschule. Ein Auto besitzt er nicht: "Deshalb musste ich um vier Uhr morgens aufstehen, um den Bus zu bekommen, und bin nachts um eins ins Bett gefallen." Glamouröse Werbewelt? Mitnichten.

Irgendwann kommt Gottas erste Chance: Ein Katzenfutterhersteller sucht nach Produkt und Namen. So "erfindet" der junge Werber die heutigen Katzenfutter-Mischungen - zuvor gibt es nur sortenreines Futter, sprich nur Leber oder nur Fisch - und schneidet in die Packung ein Loch, damit der Kunde im Laden sieht, was er Leckeres kauft. Doch mit dem Namen erlebt Gotta ein Debakel. "Katzenschmaus" kommt einfach nicht an, heute heißt das Produkt "Brekkies".

Doch Gotta hat Feuer gefangen. Namen sind seine Passion! Er least - "Geld hatte ich keines" - einen Lancia und brettert damit quer durch die Bundesrepublik. Doch kaum jemand kann sich für Gottas Schöpferdrang erwärmen: "Die Kunden meinten, Namen können sie auch selber erfinden." Man merkt Gottas Blick und seinem hessischen Unterton an, wie er darüber denkt.

Am Ende sind es Verantwortliche bei Opel, die dem jungen Mann eine Chance geben - nachdem der Konzern wochenlang geprüft hat, ob es nicht einen günstigeren Namensfinder gebe. Gibt es nicht. Und Gotta darf den Namen für den Nachfolger des Modells Senator finden. Für ihn ein zweifacher Ritterschlag: "Erstens ein richtiger Auftrag. Und ich bin ein Autoverrückter." Seine Garage gleich neben dem heutigen Haus an der Landstraße gibt davon beredtes Zeugnis.

Gotta ist bei Opel aber eines klar: Den nackten Namensvorschlag an die Wand werfen bringt nichts. "Dann fangen die Leute mit allen möglichen Assozia­tionen an." Das ist tödlich. Wie bei "Katzenschmaus". Also sucht sich Gotta einen Grafiker, lässt ein Autoheck entwerfen und da­rauf den Namen "Vectra" schreiben. Nach der Präsentation haben die Opel-Verantwortlichen nur eine Anmerkung: "Der Blauton der Fensterscheiben in der Zeichnung würde nicht stimmen", schmunzelt Gotta. Der Name passt.

Es ist der Beginn einer beispiellosen Karriere, mit Büro in Frankfurt und Villa in Baden-Baden. Und heute eben dem historischen Haus in Forbach-Hundsbach: "Ich fahre sowieso zu den Kunden, um der Atmosphäre bei denen nachzuspüren."

Mehr als 300 Namen quer durch alle Branchen hat die Ein-Mann-Agentur Gotta Brands inzwischen geschaffen - und zwar im Wortsinne: Ein Computer hilft, Silben zusammenzustellen. Mehr lässt sich Gotta über seine Arbeitsweise indes nicht entlocken. Anschließend werden die "Entwürfe" in Gruppen, besetzt mit einem Bevölkerungsquerschnitt, diskutiert. Erst wenn diese "Schwarmintelligenz" Favoriten herausgearbeitet hat, präsentiert Gotta eine Auswahl den Kunden. Noch heute eingebettet in eine Präsentation - für die Umbenennung der RAG in Evonik ließ Gotta sogar eine eigene Nachrichtensendung produzieren.

Niedrige sechsstellige Beträge lassen sich die Kunden angeblich Gottas Namen kosten. Er kommentiert den Betrag nicht. Er weiß, was sein Gespür wert ist. Doch wie geht es mit diesem Gespür weiter, wenn Gotta mal nicht mehr ist? Einem 67-Jährigen darf man die Frage stellen. Gotta scharrt vor der Antwort mit den blau beschuhten Füßen unterm Esstisch. Dann zitiert er einen echten Exzentriker, Mode-Legende Karl Lagerfeld: "Dann bin ich eben tot. Wichtiger ist doch: Die Leute finden toll, was ich gemacht habe."

Das Porträt erschien erstmals in der Ausgabe Juni 2014 von econo.

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