Foto: pr

Eiserne Lady

Sybill Storz hat Karl Storz Endoskope zu einem Konzern aufgebaut. Gelungen ist ihr das dank strengen Ansagen und freundlichem Tonfall. Und weil sie sehr gut zuhören kann. In Sachen Nachfolge hat die Vielgeehrte eine bemerkenswerte Ansicht

Der Schreibtisch fordert an diesem Vormittag die volle Aufmerksamkeit von Sybill Storz. Bestimmt, aber freundlichen weist sie dem Gast den Besucherstuhl zu. Dann rückt Storz Gegenstände auf dem Schreibtisch zurecht, die jemand verschoben haben muss. Sie stört das ungemein, das ist deutlich spürbar. Doch verliert sie kein böses Wort darüber. Nur wenige Preziosen stehen auf dem filigranem, quadratischen Glastisch und die haben dort ihren ganz bestimmten Platz. Bis hin zu der kleinen Bonboniere mit Pralinés. Punkt.

Der Schreibtisch ist ein Spiegelbild der Führungsperson Sybill Storz als Geschäftsführerin der Karl Storz Endoskope. Man kann die mit Respekt geäußerten Wertschätzungen ihrer Mitarbeiter so zusammenfassen: Storz zeigt stets eine klare Kante, streng in der Sache, freundlich im Ton. Und ist über alles und jeden im Unternehmen informiert.

Sybill Storz selbst lächelt bei der Frage, ob sie tatsächlich so gut informiert ist, jede Entscheidung über ihren Schreibtisch muss: "Ich treffe nicht alle Entscheidungen, nur die von Bedeutung. Bei mir laufen auch nicht alle Fäden zusammen – aber viele." Bei diesen Sätzen weiten sich ein wenig ihre Augen. Wie immer, wenn sie dem Gesagten eine besondere Bedeutung geben möchte. 

Das Wort von der Matriarchin, von der Eisernen Lady ist abgenutzt. Auf Storz passen beiden wie maßgeschneidert. Anders hätte sie sich nicht durchsetzen und manch legendären Händel mit Wettbewerbern austragen können.

Ihr Vater Karl Storz gründet das Unternehmen 1945 in Tuttlingen in kleinen Verhältnissen. Rundherum machen sie alle auch etwas mit Medizintechnik. Doch Storz schafft es, sich mit Gerätschaften für Ohrenärzte abzuheben. Daraus entstehen erste Endoskope – mit nach heutigen Maßstäben archaischen Ansätzen.

Die Schuljahre von Sybill Storz, Jahrgang 1937, lassen dagegen kaum auf eine Karriere in der Industrie schließen. Sie geht in die Schweiz auf eine Privatschule, lernt Fremdsprachen, zudem Klavier. Hier wird die Liebe zu Kunst und Kultur kultiviert. Diese Liebe trägt bis heute. Storz sammelt nicht, um ein Museum zu bestücken, sondern aus Leidenschaft – und mit klarem Verstand: "Wenn ich ein Kunstwerk oder Möbelstück kaufe, dann weil im Kopf bereits genau weiß, wo es hinkommen wird." In ihrem Büro kann man das anhand der chinesischen Möbel klar ablesen.

Als Sybill Storz in den 1950er Jahren ins Unternehmen kommt, sammelt sie zunächst Praxiserfahrung. Wenn auch nicht in allen Abteilungen – der Vater ist von Frauen in der Produktion wenig begeistert. Er mag keine abgearbeiteten Frauenhände. Dafür eignet sie sich eine Eigenschaft an, die bis heute trägt: "Wenn man den eigenen Mitarbeitern und Kunden zuhört, lernt man sehr viel und kann dies in Entscheidungen einfließen lassen." Sie sagt solche Sätze druckreif, unterstrichen von sparsamen Bewegungen. Alles an Sybill Storz wirkt dabei kontrolliert bis hin zur farblichen Abstimmung von Nagellack und Kostüm. Euphorische Ausbrüche bei ihrer Erzählung von der Aufbauarbeit ab 1996 nach der Übernahme der Geschäftes mit Millionen-Umsätzen hin zum Konzern mit 1,25 Milliarden Euro Umsatz, kerngesunden Finanzen, 6400 Mitarbeitern und Kunden weltweit erwartet man vergebens.

Im Gegenteil: Die eigene Leistung redet Storz eher klein. "Ich habe das Unternehmen nicht allein entscheidend geprägt. Viele wichtige Entscheidungen, die Karl Storz bis heute prägen, gehen noch auf meinen Vater zurück." Man könnte das als Untertreibung titulieren. Denn natürlich gehen die Grundlagen der minimalinversiven Chirurgie-Instrumente auf Karl Storz zurück. Was die Tochter daraus gemacht hat, lässt sich beim Rundgang durch die mit einem Architekturpreis ausgezeichneten Schauräume am Stammsitz in Tuttlingen sogar für Laien klar erkennen. Kaum ein minimalinversives Operationsfeld an Mensch und Tier, für das Storz nicht eine Lösung hat und längst gibt es nicht nur Instrumente von Storz. Im Prinzip können die Anwender vom Endoskop über einen voll vernetzten, IT-gestützten OP-Saal bis zur Patientensoftware und Krankenhauseinrichtungen alles bei und über die Tuttlinger beziehen. Wichtig bei allem aber: Es muss Sinn machen. "Bei uns entsteht kein Produkt am Reißbrett, sondern sehr klassisch im engen Austausch mit den Anwendern. Die Denkweise 'was benötigt der Anwender?' ist unser Erfolgsgeheimnis", sagt Storz unterstrichen von einer Augenbewegung.

Welchen Stellenwert die Innovationen des Unternehmens in der Medizin haben, lässt sich gut an den beiden Din A4-Seiten mit Auszeichnungen ablesen, die einem die PR-Abteilung zukommen lässt. Ebenfalls finden sich in der Auflistung diverse Ehrendoktorwürden sowie die Aufnahmen in die französische Ehrenlegion. Alles keine Selbstverständlichkeiten, Storz weiß es zu würdigen, ohne Aufhebens zu machen.

Bleibt die Frage nach der Nachfolgeregelung. Die gibt es, ihr Sohn Karl-Christian ist bereits als Stellvertreter tätig. Doch einen Stichtag für die Übergabe nennt Sybill Storz nicht: "Die Entwicklung eines Unternehmens ist dynamisch und damit wäre es meines Erachtens zu statisch, heute die Geschäftsübergabe an einen fixen Datum festzumachen. Mein Sohn und ich sind uns einig, dass dies ein fließender Prozess ist." Sie vergleicht die Übergabe mit den aktuellen Umstrukturierungen durch den 40 Millionen Euro teuren Neubau der Logistik. Da komme auch keiner auf die Idee, alles auf einen Schlag zu machen. Lieber Stück für Stück. Und vor allem: kontrolliert.

Das Porträt erschien zuerst in der Print-Ausgabe 11/2013 von econo.

Teilen auf

Weitere Portraits

Foto: Jigal Fichtner für Econo

Ein Charakterkopf

Helmut Raaf ist Schuhhändler. Eigentlich. Denn der 67-Jährige hat die Stadt Nagold mit seinem Beharrungsvermögen geprägt – was zum Vergleich mit Martin Luther führte und sogar zum Sitzstreik


Foto: Jigal Fichtner für Econo
Foto: Jigal Fichtner für econo

Brauer in Bierlaune

Der Mann zwischen den Sudkesseln heißt Eberhard Haizmann und er ist als Brauereichef Trendsetter. Zugegeben: Das traut man der Hochdorfer Kronenbrauerei irgendwie nicht zu, stimmt aber


Foto: Jigal Fichtner für econo
Foto: PR

Die sportlichen Sitzenbleiber

Econo Klassiker: Helmut und Joachim Link sind Geschäftsführer des Büromöbelherstellers Interstuhl. Ihre Gene wurden den Brüdern zum Verhängnis. Sie sind damit zufrieden


Foto: PR