Foto: Jigal Fichtner für econo

Der Chef

Volker Grub ist als Sanierer eine Legende. Weil er alles anders gemacht hat: Grub hat einfach seinen Traum gelebt. Das hat sogar die Gesetzgebung beeinflusst.

Man kann Volker Grub an diesem Vormittag gedanklich kaum folgen. Die Zahlen sprudeln nur so aus ihm heraus. Grubs sonst so ruhige Stimme überschlägt sich beinahe. Sie akzentuiert zusätzlich die Millionenbeträge, die Grub im Sekundentakt verkündet. Sein Zeigefinger flitzt über Balken­diagramme in den Aufzeichnungen vor ihm. Er blättert flink vor und zurück. Grub hält es kaum auf seinem Stuhl. Vor ihm sitzt ein gutes Dutzend Journalisten. Sie müssen die auf sie einstürmenden finanziellen Einblicke in die Schattenwelt, die Schein- und Luftbuchungen des insolventen Leuchtenherstellers Hess verarbeiten.

Die Szene in der Kanzlei Grub Brugger sagt viel über den Menschen Grub: Er ist ein Überzeugungstäter. Er engagiert sich mit Leidenschaft. Kurzum: Volker Grub lebt in den insolventen Unternehmen seinen eigenen Lebenstraum.

Einige Zeit nach der Szene mit der Presse trifft er in den Repräsentationsräumen im obersten Stockwerk der Kanzlei Econo zum Gespräch - "unten ist alles voller Akten, da wird eben gearbeitet." Die Räume sind geschmackvoll, zurückhaltend eingerichtet. Die Möbel konkurrieren mit dem Panoramablick über den Stuttgarter Talkessel. "Eigentlich wollte ich ja Geschäftsführer werden." Grub lächelt, als er den Satz sagt.

Der 76-jährige Grub ist für einen kurzen Moment in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort.

In seiner Jugend half der Sohn eines Forstmeisters in einer Firma für Brauereizubehör auf der Schwäbischen Alb. Eines Tages geht er ins Chefzimmer. Dort gefällt es ihm. "Zudem war der Chef ein netter Mensch. Da war mir klar: Dessen Job möchte ich mal machen." Weil ihm abgeraten wird, studiert er nicht Volkswirtschaft, sondern Jura - was er als "öde" empfand. Schlimmer noch: Mit Jura wollte ihn Mitte der 1960erJahre niemand als Vorstandsassistenten einstellen. Sein Traum vom Unternehmertum platzte, noch bevor er ihn ansatzweise leben konnte. "Ich habe dann halt in Stuttgart eine Kanzlei aufgemacht."

Einige Jahre machte Grub alles, was Anwälte für gewöhnlich so machen. 1969 bekommt er dann den ersten Konkursfall. Seine Kollegen bedauern ihn. Für Grub ist es eine Erweckung: "Hier konnte ich doch noch Chef sein."

Dazu muss man wissen: Zu dieser Zeit gilt noch die Konkursordnung aus dem Jahr 1877. Entlassen. Verkaufen. Zuschließen. Das ist der vorgesehene Dreiklang. "Pleitegeier und Totengräber wurden wir genannt." Dass sich das Ansehen der Verwalter geändert hat, ist ebenso ein Verdienst von Grub wie die Neuordnung der Insolvenzordnung 1999: Angeschlagene Unternehmen haben nun eine echte Chance auf einen Neuanfang. Ganz so wie Grub immer seine Aufgabe gesehen hat: "Die allermeisten Firmen haben einen lebensfähigen Kern." Den gelte es, ausfindig zu machen. So wie ein Chef eben auch ständig den Kurs seiner Firma zu prüfen hat. Punkt.

Rund 500 Insolvenzen hat Grub in den 49 Jahren seiner Tätigkeit bislang betreut. Viele davon sind Legende. Bauknecht etwa, dessen Elektromotorengeschäft er als erstes Unternehmen aus der Insolvenz heraus an die Börse führte. Oder Südmilch. Oder Salamander und Schiesser. Oder Märklin. Oder eben Hess. Grub kam dabei immer seine Neugierde zugute, seine schnelle Auffassungsgabe und ein gesundes Bauchgefühl. Und seine offene Art, gepaart mit einer natürlichen Autorität. Wer sich mit Dritten (abgesehen von den anonymen Tiraden in sozialen Netzwerken) über Grub unterhält, hört kaum ein schlechtes Wort. Im Gegenteil.

Doch unterschätzen darf man den 76-Jährigen nicht! Trotz seines gewinnenden Großer-Junge-Lächelns. Die Szene mit der Hess-Pressekonferenz beweist es. Die Ex-Vorstände hatten ihn zuvor gereizt. Und er hat daraufhin Beleg für Beleg selbst durchgearbeitet. Jeden einzelnen hat er in die Hand genommen, abgeglichen, nachgerechnet. Das nahm viel Zeit in Anspruch, die sich Grub einfach genommen hat. Das Unternehmen arbeitet inzwischen mit einem neuen Eigentümer profitabel, die alten Vorstände aber schwitzen ob einer sich abzeichnenden Anklage.

Der Kulturfreund Grub tritt hingegen allmählich kürzer. Seine Art der Sanierung hat er aber weitergetragen: Die Kanzlei beschäftigt an mehreren Standorten mittlerweile 30 Anwälte.

Das Porträt erschien zuerst in der Print-Ausgabe Juni 2014 von econo.

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