Foto: Jigal Fichtner für econo

Boden. Ständig.

Rennfahrer, Fußballtorwart, Unternehmer. Werner Utz ist vieles gewesen. Jetzt tritt er als Vorstandschef ab. Ins zweite Glied rückt er deshalb nicht.

Zahlen sind unbestechlich. Als Hans Werner Utz 1978 ins Unternehmen seiner Familie einsteigt, erwirtschaftet die Firma einen Umsatz von knapp 25 Millionen D-Mark. Heute sind es mehr als 200 Millionen Euro. Die Ulmer sind international bestens im Rennen. In den USA entsteht für mehr als zehn Millionen US-Dollar ein Trockenmörtelwerk, in den Niederlanden hat der Bodenspezialist Millionen in die grünste Fabrik des Landes investiert. Selbst Königin Máxima kam zur Eröffnung. Natürlich im grünen Kleid. "Das war ein Highlight", sagt Werner Utz und blickt kurz an die Decke des Besprechungsraums der Konzernzentrale in Ulm.

Er wirkt in dem Moment, als schwelge er in Erinnerungen. Utz lächelt. Dann wird sein Blick wieder klar und fest. Es ist Werner Utz' letztes Jahr als Chef der Uzin Utz AG, seiner Familie gehören 55 Prozent. Ende 2015 gibt Utz, dann 68, sein Amt an Vorstandskollege Thomas Müllerschön ab. Wer ihn kennt, weiß: Er gibt ein Amt auf, im Unternehmen wird er bleiben. "Mindestens noch zehn Jahre", sagt er - und lacht.

Ohne Firma geht es nicht. Es gibt wenige Unternehmen, die so sehr mit einer Person verbunden werden wie Uzin Utz. Der Enkel des Gründers hat aus einem regionalen Klebstoffhersteller einen führenden Hersteller von Bodenbearbeitungssystemen gemacht. Egal, mit welchem Mitarbeiter man über den Chef spricht, alle wechseln unbewusst in einen leisen, bewundernden Tonfall. Fair sei er, immer offen, freundlich, visionär, aber bodenständig, klar in der Ansprache, hart in der Sache.

Dabei sieht es nicht so aus, als würde Werner Utz, selbst Vater von Drillingen, wirklich tun, was Vater und Großvater erhoffen. Als er 16 ist, organisiert er montags Feten im eigens eingerichteten Partykeller. Mitte der 1960er-Jahre ist das der Hit. Die Lehrer schäumen. Utz spielt zudem Fußball beim SSV Ulm 1846. Position: Torwart, obwohl das bei einer Größe von 1,71 Meter nicht die prädestinierte Position ist. Uli Hoeneß kickt einige Jahrgänge unter ihm. An einem Schwörmontag, dem Ulmer Feiertag, spielt er eine Halbzeit gegen Werder Bremen, damals eine Spitzenmannschaft - und kassiert nur zwei Gegentore. Es wurmt ihn bis heute.

Utz studiert in München, fährt Autorennen mit dem legendären Glas GT. Nach zwei Jahren ist Schluss, er konzentriert sich auf die Uni, promoviert. "Als mein Vater gehört hat, dass ich weitere drei Jahre an der Uni bleibe, hat er die Hoffnung aufgegeben." Doch Utz kommt zurück. Zwei Jahre arbeiten Vater und Sohn Seite an Seite. Zwei Generationen. Zwei Standpunkte. Zwei Konzepte. Die Belegschaft im Unternehmen teilt sich, die einen halten zum Senior, die anderen zum Junior. Das klingt nach Zerreißprobe.

Wenn Utz über diese Phase erzählt, ist es der normale natürliche Prozess. Der Vater geht, der Sohn kommt. Reibungen, Spannungen gehören dazu. 1980 übergibt der Vater die Firma. Utz ist klar, dass die Firma ein Alleinstellungsmerkmal braucht. Damals ist man einer unter vielen. Die Produkte? Können andere genauso gut. Utz hat den Riecher, trimmt die Firma Anfang der 80er-Jahre - da ist der Begriff noch Innovation statt Phrase - auf Nachhaltigkeit, lässt die ersten lösungsmittelarmen Klebstoffe entwickeln. Und stößt auf ein Problem: "Die Handwerker wollten unsere Produkte nicht, obwohl sie technisch besser und gesundheitsschonender waren. Das war frustrierend."

Zwei Jahre läuft das Geschäft zäh, dann gehen die Ulmer in die Offensive, entwickeln eine Marke, beauftragen eine Werbeagentur. Auch das ist ein Novum in der Branche. Das Wachstum beginnt. Als die Mauer fällt, gehört Utz zu den Ersten, die den Schritt in den Osten wagen. "Wir haben schwäbisch bescheiden kalkuliert, wurden dann aber von der Nachfrage überrollt."

Statt geplanten drei Millionen Mark setzen die Ulmer im Jahr 1993 knapp 20 Millionen um. "Das hat mir die ersten grauen Haare eingebracht. Produkte nicht liefern zu können, obwohl sie jeder haben will, ist das Schlimmste, was sich ein Unternehmer vorstellen kann." Utz zieht seine Lehren. In den vergangenen drei Jahren haben die Ulmer 60 Millionen Euro investiert, um die Produktionskapazitäten zu erweitern. Der Umsatz soll bis 2018 um 50 Prozent wachsen.

Ehrgeizige Ziele für einen Mittelständler, der in seiner Branche mit Konzernen wie Henkel konkurriert. Utz setzt den Trumpf Innovation dagegen. Mehr als die Hälfte des Umsatzes will man mit Produkten erlösen, die weniger als fünf Jahre am Markt sind. "Innovationen entstehen nur, wenn man Mitarbeitern Freiraum gibt. Das geht mir auch so. Meine Sekretärin hat mal gesagt: 'Wenn der Utz seine Füße in den Lago Maggiore steckt, kommen ihm die besten Ideen.' Ich glaube, sie hat recht." Pragmatisch war Utz immer.

Mitte der 90er-Jahre will der letzte Fremdgesellschafter aus der Firma aussteigen. Das kostet Kapital, das eigentlich für die internationale Expansion eingeplant ist. Utz bringt die Firma innerhalb von zehn Monaten an die Börse. "Es war ein entscheidender Schritt", sagt Utz. "Wir hatten immer eine klare Strategie. Aber auf einmal waren wir gezwungen, sie auch öffentlich zu kommunizieren und zu rechtfertigen. Das hat uns weitergebracht." Nach 36 Jahren an der Spitze ist also Schluss für Utz als Vorstandschef. Das Unternehmen wird bleiben. Werner Utz auch. Da braucht es keine Sentimentalitäten.

Das Porträt erschien zuerst im Februar 2015 in der Print-Ausgabe von Econo.

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