Nicola Osypka, Medizintechniker Osypka

Vom Nesthäkchen zum Leitwolf

Nicola Osypka hat mit Wölfen gelebt und den Krebs erforscht. Jetzt leitet sie eine Firma, die täglich Menschenleben rettet

Nicola Osypka, 36, ist seit drei Jahren in der Geschäftsführung des Medizintechnikers Osypka

Nicola Osypka, 36, ist seit drei Jahren in der Geschäftsführung des Medizintechnikers Osypka

Foto: Jigal Fichtner

Als sie den Raum betritt, wirkt Nicola Osypka etwas zerfahren, unaufgeräumt. Sie erklärt, woran das liegt: „Ich wäre lieber in Haiti“, sagt die Geschäftsführerin des Medizintechnikers Osypka und nimmt Platz. Ausgerechnet Haiti? Ja, Haiti. Osypka wird nur von einer Sache aufgehalten: „Ich habe zurzeit keinen Hund.“ Seit zwei Jahrzehnten arbeitet sie mit Rettungshunden. Sie hat gezüchtet, erzogen, gerettet. Und jetzt muss sie hier bleiben,  dabei „würde es die Firma auch zwei Wochen ohne mich schaffen.“

Am Tag vor dem Gespräch am 21. Januar hat in Haiti ein heftiges Nachbeben für erneute Panik gesorgt. Osypka hat sich jahrelang auf einen solchen Fall vorbereitet. Sie hat Hunde durch künstlich aufgeschüttete Trümmerberge geführt, damit sie lernen, wie man verschüttete Menschen findet. Und jetzt kann sie hier nicht weg.

Zu diesem Zeitpunkt ist es nur ein paar Wochen her, dass Osypka ihren Hund weggegeben hat, weil ihr die Zeit fehlte. Das liegt daran, dass sie sich für eine andere Karriere entschieden hat. Sie ist nun die Nachfolgerin ihres Vaters geworden, Nicola Osypka muss sich auf ganz andere Art beweisen. Denn Peter Osypka hat sein Unternehmen mehr als drei Jahrzehnte geführt. Die Firma produziert unter anderem Herz­katheter und Schrittmacher und rettet damit jeden Tag Leben. Würde die Firma kleine Schrauben produzieren, die in Waffen eingebaut werden oder Asphalt-Vorprodukte, wer weiß, ob Nicola Osypka dann nicht doch Professorin in Berkeley geworden wäre, dem Harvard der amerikanischen Westküste.

Auf dem Weg dahin war sie. Doch der Reihe nach. „Niemand kann mir sagen, warum mich wilde Tiere faszinieren“, sagt sie und wühlt sich dabei durch einen Berg von Erinnerungen. Fotoalben, alte Visitenkarten, Kalender und vieles mehr. Es ist offensichtlich, dass sie das Interview nicht als lästige Pflichtaufgabe versteht, sondern dass sie wirklich Lust hat, ihre Geschichte zu erzählen. Man muss ja verstehen, warum ausgerechnet das jüngste von vier Kindern heute die Firma führt, denn auch ihre Geschwister machen Karriere im Unternehmen. Der zehn Jahre ältere Markus Osypka leitet heute Osypka Medical in Berlin, Thomas Osypka lebt in den USA und führt die Oscor Medical. Beide Firmen gehörten einst zur Firma in Rheinfelden, sind heute aber eigenständig. Auch Christiane Osypka war mal in der Firma. Die Geschichte vom Verkauf der Firma und dem späteren Rückkauf durch Peter Osypka gehört aber eher in dessen Vita.

Zu jener Zeit hat Nicola Osypka nichts mit Medizintechnik zu tun. Schon mit neun Jahren ist ihr klar, dass sie Verhaltensforscherin werden will. Sie liest alle Bücher von Konrad Lorenz, dem Begründer dieser Wissenschaft. Als sie 16 ist, lebt sie zehn Wochen in einem Zelt im Garten, weil sie einen Hund großzieht. Nach dem Abi-tur zieht sie in die USA, wo sie mit Wölfen zusammenlebt. Leicht despektierlich könnte man Nicola Osypka eine Wolfsflüsterin nennen. Sie trainiert die Tiere nicht nur, sie erforscht auch deren Verhalten im Sinne der Wissenschaft. Auch mit  Hyänen arbeitet die jetzige Unternehmenschefin.

Sie lernt exotische Sprachen wie Hebräisch oder Tschechisch und heiratet. Die Ehe scheitert. Doch es ist ihr ehemaliger Mann, der sie zurück zu den Menschen bringt. Er bekämpft den Krebs an einer Uniklinik. Und Nicola Osypka merkt, dass sie ihr Wissen und Talent auch den Menschen geben muss. Als sie ihren Eltern von der bevorstehenden Trennung erzählt, bietet der Vater ihr einen Job im Unternehmen an. „Es war sofort klar, dass ich das mache“, sagt sie. Schon Wochen später kehrt sie nach Deutschland zurück. Nach drei Tagen wird sie Vertriebsleiterin und zum Gesicht der Firma. Seit Juni ist sie die Chefin. „Ich bin angekommen“, sagt sie. „Das hier ist meine Bestimmung.“

Philipp Peters

Nicola Osypka, 36, ist Geschäftsführerin des Medizintechnikers Osypka aus Rheinfelden-Herten im Landkreis Lörrach. Sie ist das jüngste von vier Kindern des Gründers Peter Osypka, der die Firma mehr als drei Jahrzehnte geführt hat. Die beiden Brüder Markus und Thomas und auch Schwester Christiane machen schon bald Karriere im Unternehmen.

Nicola Osypka geht einen völlig anderen Weg, denn sie ist von ­wilden Tieren fasziniert. Im Alter von 16 Jahren beginnt sie, Hunde zu züchten. Nach dem ­Abitur zieht sie auf eine Ranch in den USA, auf der Wölfe großgezogen und erforscht werden. Schon bald baut sie sich eine beachtliche ­Karriere in der Verhaltensforschung auf, wechselt jedoch während der Doktorarbeit in die Molekularbiologie und Krebsforschung, wo sie schließlich an der Elite-Uni von Berkeley, Kalifornien, promoviert.

Vor fünf Jahren kehrt sie nach Deutschland zurück, ins Unternehmen des Vaters. Sie wird Vertriebsleiterin. Seit Juni 2009 ist sie alleinige Geschäftsführerin des ­Unternehmens, das am Hochrhein rund 180 ­Menschen beschäftigt.

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