Michael Martin, Landesgartenschau in Villingen-Schwenningen

Der Buhmann mit Humor

Michael Martin ist Geschäftsführer der Landesgartenschau in Villingen-Schwenningen. Das ist kein leichter Job. Aber wohl sein letzter: „Mister Landesgartenschau“ geht in den Ruhestand

Michael Martin verantwortet die Landesgartenschau in VS. Es wird sein Meisterstück

Michael Martin verantwortet die Landesgartenschau in VS. Es wird sein Meisterstück

Foto: Jigal Fichtner

Das Blatt Papier hängt seit gut drei Jahren im Büro von Michael Martin. Der 64-Jährige hat es selbst beschrieben. Darauf steht, er sei hemdsärmelig und ein Schwätzer. Und ein Lügner sei er. Der kurze Text endet mit einer Frage: „Wollen Sie mit so einem wirklich sprechen?“

Dieses Blatt Papier, dieser Text sagt einiges über Martin aus. Über seinen Sinn für Humor und seine Aufgabe. Der gebürtige Tuttlinger ist Geschäftsführer der Gesellschaft der Landesgartenschau Villingen-Schwenningen 2010. Die am 12. Mai beginnende Schau in der Doppelstadt wird seine letzte sein. Der „Mister Landesgartenschau“ Martin geht anschließend in den Ruhestand. „Aber die Erfahrung hier in VS möchte ich nicht missen. Es ist eine sehr lehrreiche Zeit“, sagt er schon jetzt.

Die Schmähungen auf dem Blatt Papier hat Martin zitiert, aus Briefen an ihn. Man könnte daraus viel über das Klima in der Stadt allgemein und in punkto Landesgartenschau ablesen. Der Mann mit dem prägnanten grauen Schnauzer würde das so nie in der Öffentlichkeit einordnen. Dafür ist er zu sehr Profi, dem Erfolg des Projekts verpflichtet. Ein Blitzen in seinen Augen verrät aber, wie er einen Satz tatsächlich meint.

Die Schmähungen nimmt Martin äußerlich gelassen. „Bislang war fast jeder Anfang einer Gartenschau negativ. Schließlich verändert man etwas in der Stadt und das ist in vielen Köpfen nur schwer zu verankern“, umschreibt es der Geschäftsführer. Man kann sagen: Das Buhmann-Dasein ist in seiner Jobbeschreibung hinterlegt.

Seit 1981 gibt Martin den Buhmann. Die Schau in Baden-Baden war seine erste als Geschäftsführer, bei zehn weiteren war er es ebenfalls. Zudem führte er bis im vergangenen Jahr die Förder­gesellschaft für die Landesgartenschauen in Baden-Württemberg.

Martin konnte diesen Job nur machen, weil er eine Gabe hat: „Ich bin ein Vereinsmeier.“ Ihm geht es immer um Menschen. Denn mit Blumen und Garten hat eine Landesgartenschau nur in der Zeit der eigentlichen Gartenschau zu tun, dann wenn das Publikum strömt. „Aber eine Gartenschau bewegt unendlich viel mehr. Hier wird Stadtentwicklung im Zeitraffer betrieben“, so Martin. Und von den Entwicklungen muss man die Menschen erst überzeugen.

In Villingen-Schwenningen macht Martin sein Meisterstück. Er muss in einer polemisierten Stimmung mit dem bedenklich knappen Budget von rund 33 Millionen Euro viel bewegen. Auch in den Köpfen. Denn die Schau ist für VS die letzte Chance, aus einem blindgänger- und schadstoffverseuchten Bereich nahe der Innenstadt Entwicklungs­flächen für Hochschulen und Wohnquartiere zu schaffen. Eigentlich sollte dieser Vorteil einleuchtend sein.

Martins Büro in einem schmucklosen Containerkomplex am Rande des Gartenschau-Geländes steht oft leer. Der Geschäftsführer ist draußen, bei den Menschen. Er setzt sich an Stammtische und in die politischen Gremien. Er führt gemeinsam mit Co-Geschäftsführer Axel Philipp Kaninchenzüchter und Landfrauen und Männerchöre und Jugendgruppen über das Gelände. „Man muss den Menschen die Chancen vor Ort zeigen.“ Martin macht das mit Humor und immer noch ungebremstem Elan.

In VS stößt aber auch Martin an Grenzen. In einer Doppelstadt gibt es eben immer zwei Sichtweisen. „Das habe ich vielleicht unterschätzt.“ Konkret bedeutet das: Alle Prozesse in VS sind unendlich zäh, die Politik handelt entsprechend. Selbst Vorfreude auf das Großereignis will acht Wochen vor Beginn kaum aufkommen.

Mitte Oktober ist es für Martin vorbei. Die Schau schließt und er kehrt in sein Haus nach Reutlingen zurück. In seinen Garten, 90 Quadratmeter klein. Hier muss er keinen überzeugen. Was in VS zurückbleiben wird? „Eine für die Stadt erfolgreiche Gartenschau“, so Martin. Und das von ihm beschriebene Blatt Papier.

Dirk Werner

Michael Martin wird vor 64 Jahren in Tuttlingen geboren. Seine Jugend prägen zahlreiche Aktivitäten in Vereinen und der evange­lischen Kirche, er ist Übungsleiter und organisiert Zeltlager. „Von diesen Erfahrungen zehre ich noch heute“, so Martin. Dazu gehört auch ein grundsätzlich positiver Umgang mit Menschen sowie ein grundlegendes Gottvertrauen. Man kann es so sagen: Anders könnte er auch kaum die zahllosen Anfeindungen in rund 30 Jahren als Verantwortlicher für Landesgartenschauen in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen ohne psychischen Knacks überstehen.

Nach der Schulzeit in Tuttlingen lernt Martin in Villingen-Schwenningen den Beruf des Landschaftsgärtners. In Nagold hängt er eine Forstlehre dran, bevor er Landschaftsarchitektur studiert. 1972 wird zum Schicksalsjahr: Um seiner heutigen Frau nahe zu sein, bewirbt er sich bei der Bundesgartenschau in Mannheim als Praktikant. Martin: „Nach dem Praktikum hat man mir eine Stelle angeboten. Da war ich vom Virus Gartenschau schon infiziert.“ Er hat es bis heute nicht bereut.

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