Johannes Ruf, Bäckerei und Lebensmittel

Bäcker Ruf und Volkes Stimme

Im Schwarzwalddorf St. Peter haben die Menschen darüber abgestimmt, ob Johannes Ruf einen neuen Supermarkt bauen darf. Ein Vorgeschmack auf die Abstimmung über Stuttgart 21

Erleichtert? „Nein, ich habe  nie daran gezweifelt“, sagt  Johannes Ruf zur Abstimmung

Erleichtert? „Nein, ich habe nie daran gezweifelt“, sagt Johannes Ruf zur Abstimmung

Foto: Jigal Fichtner

Sieht so ein Sieger aus? Klar und deutlich hat Johannes Ruf den Bürgerentscheid in St. Peter gewonnen. 1012 Menschen haben am 9. Oktober mit „Nein“ gestimmt. Und damit „Ja“ gesagt, zu Rufs Plan, am Ortseingang einen Supermarkt zu bauen. Das ist ein Vorgeschmack auf die Abstimmung über Stuttgart 21 – wer dafür ist, wird mit „Nein“ stimmen, wer dagegen ist mit „Ja“. Aber ein Sieger?

„Ich hab doch nichts gewonnen“, sagt Johannes Ruf, 43, während er in einer seiner Bäckerei-Filialen sitzt. Vier Jahre hat ihn die Frage beschäftigt, ob der Dorfladen, den sein Urgroßvater einst eröffnet hat, noch eine Zukunft hat. Vier Jahre hat er mit Gesprächen, Gerichtsterminen und Gängen zur Gemeinde vertrödeln müssen. Der Markt könnte längst stehen.

„Eigentlich bin ich selbst schuld, dass es so gekommen ist“, sagt Ruf. Als er das Grundstück namens Doldematten, gelegen am Ortsrand seines Heimatdorfes St. Peter, eben zu jener Zeit kaufte, da war die Sache eigentlich klar für den Ratsbeschluss. „Ich habe aber darauf bestanden, die Anwohner selbst zu informieren, damit sie nicht vor vollendete Tatsachen gestellt werden.“ Also geht Ruf Klinken putzen. Eine Woche lang tingelt er abends von Haus zu Haus. Spricht in den Wohnzimmern derer, denen er einen Supermarkt direkt vor die Terrassentür bauen will. Aus dieser abendlichen Tour formiert sich der Widerstand. Es geht nicht gegen Ruf selbst. Es geht auch nicht gegen die Sache.

Jeder, der den 380 Quadratmeter großen Laden im Ortskern kennt, weiß, dass dieser von gestern ist. Die Warenanlieferung erfolgt über eine schmale Straße an der Rückseite. Zwischen der Lkw-Rampe und dem Lieferanteneingang sind drei Parkplätze im Weg. Ruf mag gar nicht daran denken, wie viel Zeit über die Jahre auch hier vertrödelt wurde. Man kann zwar die Parkenden bitten, ihr Auto zur Seite zu fahren, wenn der Lieferverkehr kommt. Das heißt aber nicht, dass sie es tun werden. Ruf nennt noch ein anderes Beispiel: „Die Richtlinien sehen vor, dass ein Lebensmittelmarkt acht Kühlhäuser hat. In St. Peter haben wir drei.“ Um den Markt aufzustocken, reicht der Platz nicht. Das Haus Zähringer Eck ist eingekesselt. Eine Apotheke, eine Bank, ein Souvenir-Geschäft, Wohnungen. Das Haus gehört einer Eigentümergemeinschaft von 27 Menschen. Wer hier etwas verändern will, braucht einen langen Atem. Oder eine neue Idee.

Die hatte Ruf, als er sich das Grundstück Doldematten kaufte. Ein neuer Markt für St. Peter, für das Dorf in dem er aufwuchs, das war sein Ziel. Genauso gut hätte er es einfach sein lassen können. Dann würde der Laden im Zentrum vermutlich längst leer stehen. „Die Behörden dulden solche Missstände immer so lange, bis sich was ändert. Würde ein neuer Betreiber kommen, müsste der den Laden auf den Stand der Technik bringen“, sagt Ruf. Das würde teuer. Ein Risiko, das vermutlich keiner eingehen würde.

Im Rathaus lassen sie Rufs Neubau-Plan deshalb lange liegen. Erst der neue Bürgermeister Rudolf Schuler bringt Schwung. Das scheucht die Gegner auf, sie initiieren den Bürgerentscheid. 465 Menschen stimmen gegen den Markt. Nicht mal genug für das Quorum, die Mindestzahl an Stimmen, die es gebraucht hätte, damit die Abstimmung überhaupt zählt.

Der Bäcker Ruf ist ein rühriger, ein geschäftstüchtiger Mann. Er hat den Schwarzwaldkuchen in der Dose erfunden, verkauft in manchen Wochen mehr als 2000 davon. Zurzeit arbeitet er an einer Website, über die er Geschenk­artikel verkaufen will. Doch der neue Laden in St. Peter – den will er unbedingt gebaut sehen. Auch für seinen Vater Josef, den Becke­sepp. So heißt er im Dorf. „Ihm bedeutet die Sache mehr als mir“, sagt Johannes Ruf. Vielleicht ist sein Vater also der Sieger in dieser Geschichte.

Philipp Peters

Johannes Ruf hängt an seiner Heimat, dem Schwarzwalddorf St. Peter. Hier führt er einen kleinen Edeka-Laden. Das Geschäft ist seit 112 Jahren in Familienbesitz. Auf den Gründer Josef Ruf folgte Stefan, ein weiterer Josef und nun eben Johannes Ruf in der vierten Generation. Zwei weitere Märkte betreibt Ruf in Kirchzarten und auf der Wiehre in Freiburg. Zudem gehören fünf Bäckerfilialen und Cafés zum Familienunternehmen, das 140 Menschen Arbeit gibt.

Mit dem Bürgerentscheid in St. Peter hat Ruf im Prinzip grünes Licht erhalten, vor Ort einen neuen, größeren Laden zu bauen. Dafür kämpft er seit vier Jahren. „Meine Existenz hängt sicher nicht daran, aber mein Herzblut“, sagt er. Eine Bürgerinitiative hatte den Markt zu verhindern versucht und ist gescheitert. 70 Prozent der Wahlberechtigten stimmten Anfang Oktober ab. Davon waren mehr als zwei Drittel für den neuen Markt auf der Wiese am Ortseingang.

Johannes Ruf, 43, ist gelernter Bäcker und Kaufmann. Er ist verheiratet und wird in diesen Tagen zum zweiten Mal Vater. Gemeinsam mit seiner Familie lebt er in Freiburg.

econo im Social Web

  • econo bei Facebook
  • econo bei Twitter
  • econo bei Xing