Holger Reinecke, Schölly Denzlingen

Erste Wahl

Die Familie Schölly hat ihren Wunschkandidaten bekommen: Holger Reinecke ist seit wenigen Monaten neuer CEO des Medizintechnikers aus Südbaden

Holger Reinecke, 50, ist seit Anfang November neuer CEO bei Schölly in Denzlingen

Holger Reinecke, 50, ist seit Anfang November neuer CEO bei Schölly in Denzlingen

Foto: Jigal Fichtner

Es ist ziemlich genau ein Jahr her, dass Holger Reinecke gefragt wurde. An diesem Tag sitzt er in einem Besprechungsraum im Werk 1 des Medizintechnikers Schölly in Denzlingen bei Freiburg. Dort trifft sich die Geschäftsleitung des 600-Mann-Unternehmens mit ihrem Beirat. Das Unternehmerpaar Regula und Werner Schölly kennt Reinecke seit Jahren. 2008 kam er in den Beirat des Unternehmens. Als Geschäftsführer des HSG-Imit aus Villingen-Schwenningen ist er Entwicklungspartner von Schölly. Regula Schölly redet also über die Nachfolge im Unternehmen, dass ihr Mann und sie sich bald zurück­ziehen wollen und dass ein Nachfolger hermuss. Dann schaut sie zu Reinecke rüber und sagt: „Und wir haben dabei an Sie gedacht.“ 

Holger Reinecke, 50, ist promovierter Chemiker. Er stammt aus Bad Harzburg in Niedersachsen, hat in Clausthal-Zellerfeld Chemie studiert und beginnt seine Karriere dann bei einem Pharma-Unternehmen in Dortmund. 14 Jahre ist er dort in verschiedenen Führungspositionen, ehe er 2005 nach Südbaden wechselt. Bis heute wohnt er in Emmendingen, beruflich pendelte er bislang zwischen Villingen-Schwenningen und Freiburg, wo mit dem Imtek ein Partnerinstitut des HSG-Imit angesiedelt ist.

Reinecke hat mal gesagt: „Mikrotechnische Sensoren benötigen ein Gesamtkonzept, um die Elektronik mit der Mechanik zu verheiraten.“ Der Satz stammt aus dem Jahr 2008. Im selben Jahr holen die Schöllys Reinecke in den Beirat. Schölly hat früher vor allem Endoskope gebaut. Heute entwickelt, produziert und vermarktet Schölly alles, was in diesem Bereich zwischen Patient und Steckdose liegt. 3D-Endoskop­systeme mit Visualisierungstechnik und entsprechender Software. Außer dem Wägelchen, der Tastatur und dem Stromkabel wird alles von den Süd­badenern erfunden und gebaut.

Vom Wohnort des neuen CEOs bis an seinen Arbeitsplatz sind es mit dem Auto keine zehn Minuten. Sein Fachgebiet passt so ziemlich genau auf das, was Schölly heute tut. Darum hat das HSG-Imit die Mitteilung zu Reineckes Wechsel auch so überschrieben: „Gelungener Technologietransfer über Köpfe“. Reinecke grinst spitz­bübisch. Er hat die PR-Meldung selbst geschrieben. „Ich bin überzeugt, dass Wissenstransfer nur über Köpfe funktioniert“, sagt er. Die Mitteilung verkündet auch, dass Reinecke eine Technologie, die jetzt von den beiden Instituten entwickelt wurde, bei Schölly zur Marktreife führen soll. Verwerflich ist das nicht, es ist die Raison d’Être der wirtschaftsnahen Forschung.

Reinecke will seinen Führungsstil nicht groß ändern. „Sie müssen ein solches Institut wie ein mittelständisches Unter­nehmen aufstellen.“ Natürlich ist der Umsatz von Schölly mit 84 Millionen Euro im Jahr 2014 sechs mal so groß wie der von HSG-Imit. Ein spürbarer Unterschied sei jedoch, dass man im Unternehmen eine längerfristige Verantwortung für die Mitarbeiter hat. Vor allem an universitätsnahen Instituten gebe es viele Doktoranden, die nach drei bis fünf Jahren wieder weg sind. Beim Mittelstand bleiben Mitarbeiter einer Firma auch mal ein ganzes Arbeitsleben lang treu.

Reinecke versichert: Er habe in den sieben Jahren im Schölly-Beirat nie darauf spekuliert, mal an diese Spitze des Unternehmens zu rücken. „Daran denkt man nicht“, sagt der zweifache Vater und Anhänger von Borussia Dortmund. Als dann das Angebot kam, hat er aber nicht lange überlegen müssen. Er spricht es so nicht aus, doch Reinecke wollte einfach zurück zur Praxis. ­

Er wird jetzt aus seiner Grundlagenforschung ein wirtschaftliches Produkt machen. Erforschen, erfinden, vermarkten – das hat doch was.

Philipp Peters

econo im Social Web

  • econo bei Facebook
  • econo bei Twitter
  • econo bei Xing