Helmut und Joachim Link, Büromöbelherstellers Interstuhl

Die sportlichen Sitzenbleiber

Helmut und Joachim Link sind Geschäftsführer des Büromöbelherstellers Interstuhl. Ihre Gene wurden den Brüdern zum Verhängnis. Sie sind damit sehr zufrieden

Helmut Link (l.) und sein Bruder Joachim führen das Unternehmen Interstuhl

Helmut Link (l.) und sein Bruder Joachim führen das Unternehmen Interstuhl

Foto: Interstuhl

Die Erkenntnis ist bitter. Und es dauert eine ganze Weile, bis sie sich aus dem Kopf von Helmut Link bis zum Bauch vorgefressen hat. Heute kann der Geschäftsführer von Interstuhl darüber lachen. Damals, vor gut zwanzig Jahren, bricht eine Welt zusammen. „Aber irgendwann muss man sich eben eingestehen, wenn etwas nicht geht.“ Dieses Etwas ist die Karriere als Skirennläufer. Helmut Link trainiert im deutschen B-Kader, lebt im Ski­internat in Berchtesgaden. Nicht schlecht für einen Jungen von der Alb. Doch: „Wenn die Gene nicht stimmen, dann wird es halt nichts.“ Helmut Link sagt’s mit diesem breiten Grinsen, das Skirenn­läufer gerne in Fernsehkameras halten. Weil es sie so absolut authentisch wie sympathisch macht.

Diese Gene. Vor ihnen ist auch der Bruder Joachim Link machtlos. Er ist heute ebenso Interstuhl-Geschäftsführer. Damals, in seiner Jugend, ist auch er ein begeisterter und sehr guter Sportler. Aber mehr noch ist er Tüftler. „Ich habe als Schüler Opas Schmiede restauriert. ­Irgendwie war der Weg vorgezeichnet.“

Joachim Link verbringt jede freie Minute in der Firma, die der Vater Werner Link zum Hersteller von Produktions- und Bürostühlen umgebaut hat. Joachim Link schafft sich regelrecht in die Firma hinein, arbeitet an Drehbänken und in der Werkzeugherstellung. Im Gespräch sieht man beinahe den Jungen mit den ölverschmierten Händen vor sich. Er studiert Wirtschafts-­Ingenieur­wesen in München, geht für das Praxis­semester in die USA.

Zu Beginn der 90er-Jahre ereilt ihn der Ruf aus Meßstetten-Tieringen. Die Familie braucht ihn, das Unternehmen steckt tief in der Krise. ­Joachim Link: „Die ganze Branche wurde damals arg gebeutelt.“ Mehr Worte braucht es nicht. Der Blick von Joachim Link spricht noch immer Bände. Das Familienunternehmen steht auf der Kippe. Eine Neuausrichtung will überlegt, Umstrukturierungen wollen durchgesetzt sein. Eine schmerzhafte Zeit. „Aber wir haben viel gelernt.“ Die ganze Familie sieht sich in der Verantwortung. Werner Link und seine Schwester Lenore, dazu Joachim Link. Ende der 90erJahre komplettiert Helmut nach dem Studium des Diplom-Betriebswirts das Familien-Führungsteam. Im Wesentlichen arbeitet es bis heute zusammen. Erfolgreich.

Die Weichen dafür werden in den Krisenjahren gestellt. Helmut Link formuliert es so: „Leistungssport lehrt einen zwei wesentliche Aspekte: Wie geht man mit einer Niederlage um? Und wie motiviert man sich, um dranzubleiben?“

Die Familie versteht sich auf beides. In der 90er-Krise ist den Links klar: Sie müssen alles ändern. Die Ausrichtung auf ­Arbeitsstühle für die Textilindustrie zieht nicht mehr. Die neue Taktik lautet: Interstuhl bedient künftig alle Bereiche rund um Bürostühle. Drei Marken werden dafür im Lauf der Jahre etabliert, neben Interstuhl mit hochwertigen Möbeln sind das Bimos für Laborstühle und Prosedia mit Sitzgelegenheiten für den privaten Arbeitsplatz oder einfachere Büros. Zugleich deckt die Familie die Flanken ab: Helmut Link baut den Vertrieb aus. Der Exportanteil liegt heute bei 35 Prozent, bald soll er bei 50 Prozent liegen.

„Langfristig möchte ich 75 Prozent erreichen“. Die Produktion soll aber allein am Standort Tieringen bleiben. „Da sind wir sehr schwäbisch.“

Die Fitness-Kur fürs Unternehmen wirkt. Allein in den Jahren 2003 bis 2008 hat sich der Umsatz beinahe auf 117 Millionen Euro verdoppelt. Interstuhl wird mit Auszeichnungen überhäuft. Und investiert in den vergangenen beiden Jahren rund 17 Millionen Euro in den Standort. Nun hat die Entwicklungsabteilung reichlich Platz und Besucher lockt ein Ausstellungs- und Schulungsgebäude.

Nur die eigene Fitness vernachlässigen die Brüder. Die Zeit fehlt den Familienvätern. Helmut Link: „Wir sollten mehr tun!“ Joachim Link: „Dafür heißt aber unser Neubau ‚Arena‘ …“

Dirk Werner

Alles beginnt im Jahr 1930: Kaum hat der Schmied Wilhelm Link seinen Meisterbrief in der Tasche, macht er sich in Meßstetten-­Tieringen selbstständig. Das geschieht nicht ganz freiwillig, die Zeit ist geprägt von der Massenarbeitslosigkeit. Doch Wilhelm Link hat Erfolg, rasch hat er vier Mitarbeiter. Doch seinen Sohn Werner nährt der kleine Betrieb zu Beginn der 1960er-Jahre kaum. Der Markt schreit in den Boomjahren nach anderem als Hufeisen.

Werner Link erkennt seine Chance: Die Schwäbische Alb ist damals ein Textil-Mekka. Doch es fehlt an geeigneten Arbeitsstühlen. Werner Link entwickelt und vertreibt einen. Das ist der Grundstein für den Erfolg der Marken Interstuhl, Prosedia und Bimos: Das Unternehmen gilt mit 550 Mitarbeitern und rund 117 Millionen Euro Umsatz (2008) als Marktführer bei Entwicklung, Herstellung und Vertrieb von Sitzmöbeln für Produktion, Labor und Büro. Daimler, Telekom und Deutsche Bahn zählen ebenso zu den Kunden wie FIA-Boss Jean Todt. Und in zahlreichen Filmen von „James Bond“ bis „Tatort“ sind die Stühle der „Silver“-Reihe Teil der Dramaturgie.

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