Antje von Dewitz, Vaude

Natürlich konsequent

Antje von Dewitz führt den Outdoor-Ausrüster Vaude. Und sie hat vier Kinder. Beides bringt sie mit viel Disziplin unter einen Hut. Dabei war das Chefin-Sein nur eine Option unter vielen

Antje von Dewitz setzt als Chefin von Vaude auf flache Hierarchien. Und Natürlichkeit

Antje von Dewitz setzt als Chefin von Vaude auf flache Hierarchien. Und Natürlichkeit

Foto: Jigal Fichtner

Die Vorstellung gefällt Antje von Dewitz. Eigentlich hat sie keine Zeit mehr, der nächste Termin folgt in wenigen Minuten. Doch ein Foto für dieses Porträt unter dem Birnbaum am Bachlauf? So viel Zeit muss sein. Auch wenn sie dafür vom Firmengelände auf die andere Straßen­seite muss, dann quer über die Wiese. Sportlich nimmt sie die wenigen hundert Meter, klettert beherzt auf das hölzerne Geländer am Ufer. Es knarzt. Sie lächelt.

Das alles dauert nur wenige ­Minuten, der nächste Termin verschiebt sich kaum. Diese Szene sagt viel über von Dewitz: Die Geschäftsführerin des Tettnanger Outdoor-Ausrüsters Vaude ist bemerkenswert natürlich, verzichtet auf Schminke, trägt die eigene Marke statt Kostüm. Zugleich ist sie konsequent diszipliniert.
Anders kann die 39-Jährige es auch nicht schaffen. Sie ist Mutter von vier Kindern. Sie hat einen Mann. Sie leitet eine Firma mit 1500 Mitarbeitern weltweit.
Alles eine Frage der Planung.

Die hatte sie bis vor wenigen Jahren nicht. „Der Einstieg in das Unternehmen war nur eine Option“, sagt von Dewitz. Konkret bedeutet das: Sie studiert mit Schwerpunkt Kultur, promoviert kurz nach der Geburt des ersten Kindes 1999, arbeitet bei Tageszeitungen und Fernsehen, schnupperte bei Nicht-Regierungsorganisationen rein. Von Dewitz: „Ich hatte aber das Gefühl, nur ein kleines Rädchen zu sein.“ Dabei will sie etwas bewegen.

Also doch der Einstieg beim ­Vater Albrecht von Dewitz. 2005 kommt sie, übernimmt die Produktentwicklung und lässt Taschen nähen. Nicht irgendwelche. Vaude ist einer der ersten, der Lkw-Planen zu Umhängetaschen verarbeitet. Ein voller Erfolg. Gerade weil das Unternehmen sich so neue Zielgruppen öffnet, zuvor waren die Tettnanger nur in Bergsportkreisen bekannt. Die Neuausrichtung von Vaude beginnt.

Wo erkennt man heute ihre Handschrift im Unternehmen? Antje von Dewitz denkt einige Sekunden nach. Sie sitzt am ovalen Besprechungstisch in ihrem Arbeitszimmer. Optisch wird das von einem roten Kühlschrank dominiert. An der Wand hängen Fotos von Bergen. Hinter ihrem Schreibtisch aus Schichtholz Bilder der Familie. Natürlich.

„Der Führungsstil ist ein anderer.“ Die blauen Augen von Antje von Dewitz blitzen. Mit dem Stil musste sie sich gegen ihren Vater durchsetzen. Sie baut auf ein Führungsteam, die Hierarchien sind flach, die Mitarbeiter haben mehr Entscheidungsfreiheit. Zudem gilt Vaude als Hort der Familienfreundlichkeit, hat dafür eine Auszeichnung der Bundesregierung. Heute arbeiten 55 Prozent der Belegschaft Teilzeit, Vaude hat einen Kinderhort. Auch die Kleinen der Chefin gehen dorthin.

Das hat etwas mit der Vorbildfunktion zu tun. Sie will vorleben, dass sich Beruf und Familie vereinbaren lassen. Vorbildlich fährt sie mit dem Rad ins Büro. Alles, damit andere es ihr gleichtun. Dafür lässt sie sich in ein enges Zeitkorsett drängen, um die tägliche Flut an Abstimmungsnotwendigkeiten in einer Firma bewältigen zu können.

Doch nicht alles lässt sich ins Korsett zwängen. Die Gedanken  zum Beispiel, gerade solche rund ums Geld. Vaude ist in Familienhand, ein Finanzinvestor ist keine Option. Die Firma steht finanziell brillant da. Antje von Dewitz: „Wir wachsen sehr stark, da stellt sich aber immer die Frage nach der ­Finanzierbarkeit.“ Auch weil ein Erweiterungsbau ansteht. Dabei liegt der Stammsitz in Tettnang-Obereisenbach geografisch nicht ideal.

ÖPNV? Gibt’s nicht. Internetanbindung? Hat man selbst geschaffen. Aber Wegziehen? „Wir sind stark verwurzelt.“ Sogar das Schwimmbad bewahrte die Familie vor der Schließung. Antje von Dewitz wird unruhig.  Das Zeitkontingent ist um. Nur noch das Foto, dann wartet der nächste Termin: Die Entlassfeier einer ihrer Töchter aus dem Hort.

Dirk Werner

Im Jahr 1974 gründet Albrecht von Dewitz den Outdoor-Ausrüster Vaude – der Name ist die lautmalerische Zusammenfassung der Anfangsbuchstaben seines Nachnamens. Passend für ein Start-up dieser Branche sucht er sich den Weiler Untereisenbach mit einer Handvoll Häuser nur wenig vom heutigen Firmensitz entfernt aus: Als erstes Lager dient ein Hopfenschuppen. Im Sommer liegen darin die Rucksäcke, im Winter Braumeisters Schätze.

Als im Jahr 2005 über die Nachfolge des Gründers entschieden wird, kommt das einer Zäsur gleich: Antje von Dewitz macht von Beginn an klar, dass sie nicht die Rolle einer Patriarchin einnehmen will. Sie setzt auf die Eigenverantwortung der Mitarbeiter. In den Jahren bis zur endgültigen Übernahme im Jahr 2009 baut sie die Führungsstruktur entsprechend um – was naturgemäß zu Reibereien mit dem Vater führt. Doch die sind längst vergessen. Der Lohn: Antje von Dewitz hat Zeit für die Familie. Zwei- mal in der Woche verlässt sie um 17 Uhr das Büro, an Wochenenden arbeitet sie nie. Vaude wächst dennoch zweistellig pro Jahr.

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