Die Aufgabe ist anspruchsvoll: Aus 13 Bewerbungen müssen Preiskomitee und Jury des Innovationspreises der Sparkasse Schwarzwald-Baar die drei Preisträger für das Jahr 2008 ermitteln. Die Spreu der Bewerber ist rasch vom Weizen getrennt. Doch die Spitzengruppe sorgt für rege Diskussionen – und am Ende teilen sich Griwecolor (Döggingen) und Tridelity Display Solutions (St. Georgen) den mit je 4000 Euro dotierten ersten Platz. Schibe Elektronik (VS-Villingen) erreicht den zweiten Platz und 2000 Euro Preisgeld. Econo beglückwünscht als Medienpartner des Innovationspreises die Preisträger zusätzlich mit Mediadienstleistungen im Wert von mehr als 8000 Euro.
Allein der Name ist preisverdächtig: Antidröhnmasse. Klasse! Doch wegen des Namens haben die Griwecolor-Geschäftsführer Jörg Grieshaber und Franz Wehinger nicht den ersten Platz erreicht. Die Jury beeindruckt vor allem eines: Griwecolor ist Allein-lieferant für die Ausrüstung der ICE 3-Züge.
Dabei ist die Antidröhnmasse optisch langweilig. Eine schlammfarbene Masse, eine Mischung aus vielen Fasern und wenig Wasser. Dieses Gemisch ist so ganz anders, als die Produkte mit denen sich das Führungsgespann sonst auseinandersetzt: „Den Hauptteil unseres Umsatzes machen wir mit Hobby-Produkten“, sagt Wehinger. An einem Ende der Produktionshalle drehen sich in vier Bottichen mächtige Rührschreiben. Hier entstehen Pasten, Farben, Lacke für Hobbykünstler. Und viele andere Farbaffine: Griwecolor bietet sechs Produktgruppen, darunter Wandfarben fürs Handwerk.
Die sind eigentlich der Grundton des Unternehmens. Wehinger und Grieshaber arbeiten bis Mitte der 1990er-Jahre bei einem großen Farbenhersteller. Dort gibt es Umstrukturierungen, das Duo erkennt seine Chance. Griwecolor startet 1996 klassisch in der Garage von Jörg Grieshaber. Und landet mitten in der Baukrise. Franz Wehinger: „Da war es schwierig, dem Handwerk hohe Qualität zu einem vernünftigen Preis zu verkaufen.“
So pragmatisch die Rückschau von Wehinger, so unaufgeregt steuern die frischgebackenen Unternehmer gegen. „Wir haben uns eben Nischen gesucht“, so Grieshaber. Mit Erfolg. 1997 bauen sie eine Produktionshalle.
Wer Grieshaber in seinem weißen Kittel sieht, der erkennt: Er ist in der Welt der Farben zu Hause. Noch während der Diskussion um neue Produkte arbeitet er im Kopf die Möglichkeiten ab. Am Ende flimmern bei Fernsehverkaufs-Sendern Effektpasten über den Bildschirm. Oder ein Platzwart tüncht mit Rasenmarkierfarbe Linien aufs Fußballfeld. Wehinger: „Wir haben die erste Farbe für diesen Bereich entwickelt.“
Wobei die Entwicklung der Markierfarbe ebenso auf eine zufällige Anfrage zurückgeht, wie die Antidröhnmasse. Die Masse dämmt die Schwingungen von Metallaußenwänden, im Innern von Fahrzeugen bleibt es ruhiger. „Es gab bereits ein Produkt“, erklärt Wehinger: „Das wurde aber nicht weiterentwickelt. Wir haben noch Potenzial gesehen.“ Also setzen sich Grieshaber und Wehinger dran. Jetzt ist die Masse leichter, sparsamer zu verarbeiten. Und wird von namhaften Schienenfahrzeugherstellern eingesetzt. Wehinger: „Das war ein jahrelanger Weg. Es gibt einen Ordner voller Prüfzertifikate!“ Man merkt ihm deutlich an, er möchte das Prozedere nicht wiederholen. Aber es hat sich gelohnt.
700 Tonnen der Masse produziert Griwecolor mit 15 Mitarbeitern in diesem Jahr, ausreichend für 700 Waggons. Zusammen mit den Hobbyprodukten steigert das den Umsatz um 35 Prozent auf zwei Millionen Euro. Doch das Duo sieht die Zukunft nicht nur rosarot: „Wir wollen wachsen. Aber unsere Priorität ist, weiter flexibel zu bleiben. Sonst sind wir nicht mehr besser als andere.“
Schmückendes Beiwerk sucht man in den Räumen der Tridelity Display Solutions im Technologie Zentrum St. Georgen vergebens. Es schaut aus, wie es bei Start-ups eben ausschaut. Dafür gibt es riesige 50 Zoll-Bildschirme. Und für derlei Displays erhält das Unternehmen ebenfalls den ersten Preis beim Innovationspreis: Tridelity entwickelt und produziert LCD-Displays, mit denen mehrere Betrachter gleichzeitig räumliche Bilder sehen können, ohne 3D-Brille. Da wirkt der Schaltknauf eines Sportwagens so real – man möchte zupacken. Oder die Flasche auffangen, die in einer Bierwerbung aus dem Bildschirm zu kullern droht.
Wenn sich die Technik durchsetzt. Denn Tridelity steht erst am Beginn.
Im Frühjahr 2006 findet sich ein Trio zusammen. Neben Michael Russo auch Johannes Sigwart und Marco Lopez. Alle drei Anfang 30, alle drei arbeiten bei einem Hightech-Unternehmen der Region. Doch nach dessen Verkauf stockt die Entwicklung: Die Pläne für die neue Generation der 3D-Displays verschwindet in der Schublade.
Dem ersten folgen weitere Treffen und Ende September 2006 die Gründung des Unternehmens. Das Trio gliedert, wenn man so will, die Entwicklungsabteilung aus dem ehemaligen Arbeitgeber aus. „Wir haben die Chancen gesehen“, erklärt Russo: „Außerdem hat jeder von uns einen unternehmerischen Familienhintergrund. Das prägt.“
Jeder wusste, was er zu tun hat. Russo: „Aufgrund der jeweiligen Erfahrung gibt es klare Aufgabenbereiche. Das macht uns als Team stark.“ Während Russo Tridelity nach außen vertritt, leitet Sigwart die Hardwareentwicklung und Lopez den Softwarebereich.
Das Trio kann so individuell auf die Kunden reagieren. „Natürlich müssen wir viel Überzeugungsarbeit leisten, schließlich ist unser Produkt noch teurer als ein herkömmlicher Monitor“, so Russo: „Aber es bringt dem Anwender eben auch viel mehr.“
Beispielsweise für die Entwicklungsabteilungen: „Wir bieten eine Virtual Reality-Anwendung als Low Cost-Variante. Der Mittelstand hat dadurch einen klar bezifferbaren Vorteil bei der Produktentwicklung.“ Und es gibt einen 19 Zoll-Prototypen für den Dental-Bereich: damit der Zahnarzt in 3D sieht, wo er bohrt. Den Marketing-Bereich hat Russo ebenso im Blick: „Werbe-Agenturen haben großes Interesse.“
Die Bestimmtheit, mit der Russo von Märkten, Möglichkeiten und der Zukunft erzählt, macht eines plastisch: Tridelity will Bildschirme in die dritte Dimension bringen. Bis hinein ins Wohnzimmer. Weitere Produktionsflächen hat sich das Trio bereits gesichert. Natürlich nüchtern eingerichtet.
Sofort kommt dem Betrachter der Kosmos-Baukasten aus der Jugendzeit in den Sinn.
Michael Schillinger, 41, grinst: „So hat es bei mir auch angefangen.“ Jahre später werden seine LED-beleuchteten Fliesen mit dem zweiten Platz beim Innovationspreis bedacht.
Das Ladengeschäft ist längst nur noch ein Teil von Schillingers Unternehmen. „Das hat wohl etwas mit Nostalgie zu tun.“ Denn mit Widerständen und Kondensatoren fing alles an, damals Mitte der 1980er Jahre. „Ich eröffnete das erste Elektronikgeschäft in Villingen“, erinnert er sich. Schillinger kommt frisch von der Hochschule, hat nach der Lehre zum Industriemechaniker Elektrotechnik studiert. Und er hat schnell den Ruf eines Tüftlers weg. Man glaubt es sofort, wenn einem der Mann mit dem goldenem Ring im Ohr und dem Zigarillo in der Hand gegenübersteht. „Es gibt kaum einen Bereich oder ein namhaftes Unternehmen, für das ich noch keine Schaltung oder Steuerung entwickelt habe“, sagt Schillinger ohne Überheblichkeit in der Stimme.
Einen besonderen Ruf hat Schillinger im LED-Bereich. Ohne seine Entwicklungsleistung blieben selbst preisgekrönte Straßenleuchten dunkel. Und dann die beim Innovationspreis prämierte Technik, exklusiv gefertigt für die Badfließen des Bad-Ausstatters Steuer. Schillinger: „Die acht Millimeter Bauhöhe mitsamt der aufwändigen Elektronik schafft kein anderer.“ Ach ja, eine spezielle Vergussmasse für die Technik hat er auch noch entwickelt. Und eine Produktion aufgebaut, in der pro Jahr allein 10 000 Rohlinge für die Fliesen vom Band laufen. Neben weiteren Produkten, wie LED-Leuchte für Fußböden für den US-Markt. Und Schillinger tüftelt weiter: An einer 100 Watt starken LED, kaum drei auf drei Zentimeter groß.