23.01.2013 09:37 Uhr

Hess feuert Vorstände

Update: Der Leuchtenhersteller Hess hat Vorstandschef Christoph Hess und Finanzvorstand Peter Ziegler vor die Tür gesetzt. Sie sollen die Bilanzen geschönt haben. Hess wehrt sich gegen die Vorwürfe. Ohnehin bleiben Fragezeichen.

Gefeuert: CFO Peter Ziegler (l.) und CEO Christoph Hess, hier beim Börsenstart im vergangenen Jahr in Frankfurt. Foto: Archiv

Villingen-Schwenningen. Der Aufsichtsrat der Hess AG hat die Vorstände Christoph Hess und Peter Ziegler am Montag (21.01) mit sofortiger Wirkung abberufen. Diese Entscheidung sei auf einer außerordentlichen Konferenz des  Aufsichtsrates einstimmig getroffen worden, teilte das Unternehmen in Villingen-Schwenningen mit. Das dreiköpfige Aufsichtsgremium konferierte per Telefon.

Interne Recherchen hätten den Verdacht ergeben, dass Hess und Ziegler in den Finanzberichten der Jahre 2011 und 2012 die Finanz-, Vermögens- und Ertragslage zu positiv dargestellt und damit gegen die Bilanzierungsregelungen verstoßen haben. Eine sofort angesetzte Sonderprüfung soll dem Verdacht nachgehen.

Nach der Adhoc-Meldung stürzte der Aktienkurs zeitweise um mehr als 50 Prozent auf rund sieben Euro ab. Ohnehin dümpelte die Aktie nach dem Börsenstart im Oktober 2012 rund um den Ausgabepreis von 15,50 Euro.

Zwei Punkte fallen zum jetzigen Stand besonders auf: 1. In der Mitteilung der AG wird von einem Verdacht gesprochen. Das lässt eigentlich erwarten, dass die Vorstände zunächst beurlaubt werden oder die Ämter ruhen lassen, bis sich der Verdacht erhärtet. Der erfolgte Rauswurf lässt den Schluss zu, dass die Vorwürfe schwerwiegend sind. Sonst hätte es auch kein einstimmige Haltung des Aufsichtsgremiums gegeben.

2. Die Bilanzen der AG sind vor dem Börsengang im vergangenen Oktober sprichwörtlich auf Herz und Nieren geprüft worden. Das wirft Fragen unter anderem in Richtung Wirtschaftsprüfer und Bankenaufsicht Bafin auf. Aussagen hierzu sind aktuell noch nicht zu erhalten. Die rechtlichen Konsequenzen für die ehemaligen Vorstände sind derzeit nicht absehbar. Die Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Mannheim prüft aktuell, ob ein Verfahren eingeleitet werden wird.

Als Interims-Manager hat der Aufsichtsrat den 55-jährigen Juristen Till Becker zum Vorstand der Hess AG bestellt. Becker, der zuvor mehr als 20 Jahre beim Autobauer Daimler tätig war, werde sein Amt in Villingen-Schwenningen unmittelbar antreten. Becker soll das Unternehmen wieder in ruhige Fahrwasser führen, sagte Aufsichtsratschef Tim van Delden.

Im Unternehmen herrschte nach der Adhoc-Meldung große Betroffenheit: Intern waren von den Prüfungen nicht einmal Gerüchte bekannt geworden. Selbst die fertig formulierte Adhoc-Meldung erreichte die Verantwortlichen bei Hess von außerhalb. Teile des Aufsichtsrates – dem auch Jürgen Hess, Vater von Christoph Hess angehört – arbeiten nach Informationen von Econo schon länger an der Ablösung der beiden Vorstände. Über die Hintergründe der Verdächtigungen hinaus kann nur spekuliert werden.

Von Seiten der Familie Hess, die mit rund 33 Prozent noch immer Mehrheitsaktionär ist, zeigte man sich über die Ablösung der Vorstände betroffen. Manche Aussage aus dem Umfeld der Familie lassen Zweifel am Vorgehen des Aufsichtsratsvorsitzenden van Delden aufkommen. Van Delden repräsentiert den Finanzinvestor HPE, der rund 20 Prozent an der AG hält.

In einer ersten Stellungsnahme zeigte sich Christoph Hess betroffen und überrascht. Er sei auf einer Auslandsreise gewesen, als ihn die Nachricht erreichte. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe kenne er nur aus der Presse. "Mir ist nicht bekannt, was mir konkret vorgeworfen wird", so Hess, der ankündigte, sich gegen die Vorürfe wehren zu wollen.

Der Leuchtenhersteller Hess ist mit rund 360 Mitarbeitern einer der führenden Hersteller von Außenleuchten, Stadtmobiliar und Lichtkonzepten sowie in der LED-Technik. Neben dem Stammsitz VS-Villingen gibt es Werke in Löbau und den USA, die AG ist weltweit präsent und realisiert Projekte. Zur Höhe des Umsatzes ist nach aktueller Lage keine klare Aussage zu treffen.

Mehr über die Hintergründe lesen Sie in der kommenden Print-Ausgabe von Econo.

red
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