13.03.2012 23:49 Uhr

Die Freiburger Stadion-Frage

Egal, in welcher Liga der SC Freiburg Profifußball spielt – er braucht eine neue Arena. Doch wo soll die stehen?

SC-Präsident Fritz Keller (o.); Bestehendes Stadion an der Schwarzwaldstraße: "Ausbau ausgeschlossen". Fotos: Jigal Fichtner, Archiv

Fritz Keller ist auf der Suche. Er sucht den richtigen Platz. Der Präsident des Fußball-Bundesligisten SC Freiburg ist am Morgen erst aus Berlin zurück in den Breisgau gekommen. Das Treffen im Betrieb des Winzers und Unternehmers wird spontan organisiert. So sitzt man am Besprechungstisch im Baubüro. Keller baut gerade ein neues Weingut am Kaiserstuhl. Doch das Millionenprojekt in den Reben ist winzig, wenn man es neben Keller zweites Zukunftsprojekt stellt. Sein Verein, der SC, braucht ein neues Stadion. Nur wo soll es hin?

Freiburg ist eine Stadt voller Skeptiker. Im Gemeinderat tummeln sich bunte Fraktionen, klein aber laut. In öffentlichen Foren wird die Stadion-Frage bunt diskutiert. Manche sagen: Wenn der SC Freiburg am Ende der aktuellen Saison absteigt, braucht er ja auch kein neues Stadion mehr. Doch das ist hanebüchener Unsinn.

Das 1954 gebaute und seither sechs Mal erweiterte Stadion an der Dreisam ist nicht mehr konkurrenzfähig. Nicht in der Bundesliga, nicht in der Zweiten und kaum noch in Liga drei, wo heute faktisch auch Profifußball gespielt wird. Es beginnt beim Spielfeld: Es ist zu klein. Die Platz¬maße, die das Regelwerk des DFL vorgibt, hält der SC nicht ein. Aktuell hat der Verein eine Ausnahmegenehmigung. Zudem fehlt dem in einem Wohngebiet liegenden Bau einfach der Platz. Die Zuschauerzahl ist auf 25.000 gedeckelt. Und da die Bundesliga in 3-D übertragen wird, braucht auch die TV-Technik im Innenraum zusätzliche Fläche.

Dennoch lässt die Freiburger Politik gemeinsam mit dem SC prüfen, ob man das Mage-Solar-Stadion, wie es seit Jahresbeginn heißt, ausbauen könnte. Der Kenzinger Industriebauer Freyler, der schon bei den bisherigen Bau¬phasen dabei war, hat dazu ein Gutachten geschrieben. Daraus geht hervor, dass der Umbau fünf Jahre dauern würde. Der SC sagt jedoch, dass es in dieser Zeit nicht möglich sei.

Das Freyler-Gutachten plant das Stadion mit mindestens 17.000 Plätzen. Aktuell hat die Arena 24.000. Maximal wären 25.000 möglich. Dennoch macht etwa die Badische Zeitung Politik für den teuren Umbau. Auch die Grünen halten das Thema auf der Agenda. Fritz Keller kann das nicht verstehen. „Ich denke wie ein Betriebswirt“, sagt der Vereinspräsident. Für ihn ist ein Ausbau daher ausgeschlossen.

Neben dem alten Standort sind noch drei weitere Flächen mehr oder weniger im Rennen. Hirschmatten liegt am Autobahnzubringer im Westen der Stadt. Hettlinger ist eine Schrebergarten-Kolonie hinter der neuen Messe. Und in direkter Nachbarschaft dazu liegt noch der Freiburger Flugplatz. Dort hat der Papst Ende September vor einer Million Menschen gepredigt.

Der Flugplatz gilt aktuell als unwahrscheinlichste Lösung. Die Stadt und der grüne Oberbürgermeister Dieter Salomon schließen den Standort kategorisch aus, weil dann der Flugbetrieb eingestellt werden müsste. Also will die Stadt schon in der Diskussion den Eindruck vermeiden, Freiburg könne auf die Landebahn verzichten. Dabei ist das zumindest theoretisch denkbar.

Im grünen Verkehrsministerium geht man sogar einen Schritt weiter. Flugplätze wie der in Freiburg seien „zur Verbesserung der wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten der ländlichen Regionen“ erforderlich, heißt es auf der Website des Ministeriums. Freiburg ist eine Großstadt, kein ländlicher Raum.

Kommen die Gegner des SC Freiburg mit dem Flieger, so landen sie in Lahr. Auch im nahen Gewerbepark Breisgau, der zum Teil der Stadt gehört, gibt es eine Piste. Flughäfen finden sich in Basel-Mulhouse und in Straßburg. Die Stadt Freiburg braucht die Landebahn nicht zwingend. Aber sie hat sie. Und sie hat langfristige Verträge mit vielen Fliegern. Diese auszulösen und etwa zum Umzug in den Gewerbpark nach Bremgarten zu bewegen, wäre sicherlich möglich. Doch Salomon will dieses Fass nicht aufmachen. Seine Fraktion hat ihm deshalb die Kärrnerarbeit abgenommen, und lässt den Standort weiter prüfen. Dass das Stadion hier gebaut wird, ist aber sehr unwahrscheinlich. Obschon die Aussage aus dem Ministerium noch ein Hintertürchen offen lässt.

Welche der Flächen letztlich für den SC infrage kommt, muss der Gemeinderat entscheiden. Das macht das Thema weiter spannend. Fritz Keller könnte auf Granit beißen, wenn er sagt: „Erst wenn wir die Fläche haben, können wir sagen, was dort möglich ist.“ Der Präsident wünscht sich nicht nur eine Spielstätte, sondern auch eine Mantelnutzung, wie ein Business-Hotel. Dies ginge nur am Standort Hettlinger neben der neuen Messe. Für Trainingsplätze ist hier jedoch kein Platz. „Es reicht nur für ein Stadion“, sagt Keller.

Es ist nicht gesagt, dass ein Verein auch dort trainieren muss, wo er an den Spieltagen kickt. Bayern München etwa hat sein Stadion auch am Stadtrand gebaut. Der Hamburger SV hat seine Arena traditionell im Volkspark, das Trainingsgelände ist in einem anderen Stadtteil.

Hirschmatten. Wollte man neben dem Stadion auch den Trainingsbetrieb des SC Freiburg umsiedeln, käme wiederum nur der Standort Hirschmatten infrage. Allerdings fehlt der Fläche der Anschluss an die Schiene.

Die Stadtbahngleise vom Wohngebiet Rieselfeld zu verlängern, so dass sie ein bis zwei Kilometer vorm Stadion enden. Zu den Kosten gibt es noch keine Schätzungen. Die Stadtbahn-Verlängerung im Freiburger Stadtteil Zähringen jedoch hat weit mehr als zehn Millionen Euro gekostet. Da wäre es für die Stadt einfacher, dem SC beim Bau des Messehotels unter die Arme zu greifen. Hettlinger jedenfalls hat den Gleisanschluss.

Bislang geht man davon aus, dass eine neue Fußballarena mit gut 30.000 Plätzen rund 35 Millionen Euro kosten würde. Der Umbau wäre sogar teurer. Die Stadt hat bislang immer gesagt, dass sie sich daran nicht beteiligen wird. Der SC Freiburg hat das nach außen hin auch akzeptiert, kämpft aber auf einem anderen Weg um Unterstützung. Denkbar wäre etwa, dass die Stadt dem Sportclub beim Kaufpreis entgegenkommt. Sie könnte das auch an den Erlös des alten Stadiongrunds knüpfen. Die Fläche im Stadteil Waldsee-Oberwiehre ist prädestiniert für kostbares Wohnland.

Eine neue Dynamik hat die ¬Sache durch die Freiburger Eishalle bekommen. Diese muss mindestens generalsaniert werden, vielleicht sogar neu gebaut. Neben dem öffentlichen Eislaufen trainiert und spielt dort der EHC Freiburg. In den 1990er-Jahren war das Eishockey-Team erstklassig. Aktuell ist es nach einer Insolvenz in die Regionalliga abgerutscht.

Bei der Eishalle tendiert die Politik zu einem Neubau für 13 bis 15 Millionen Euro. Wenn die Stadt also diesen Sport mit einem zweistelligen Millionenbetrag unterstützt, wie könnte sie dann rechtfertigen, es beim SC nicht zu tun? Zumal das öffentliche Interesse an Fußball deutlich größer ist als an Eishockey. Eine Frage, die man im Rathaus nicht zu beantworten weiß. Walter Preker, Sprecher des OBs, verweist vielmehr auf den Gemeinderat, der ja erstmal weiter beraten müsse.

Der Rat bespricht das Thema das nächste Mal am 27. März. Mit einer Entscheidung ist jedoch erst im nächsten Jahr zu rechnen. Zu umständlich denken die Räte. Zu viele Bedenkenträger gibt es im Stadtparlament. Auch das weiß der SC Freiburg. Fritz Keller ficht das nicht an.

Welches ist also der beste Standort? Die Antwort ist einfach: Hirschmatten. Die Wiese neben dem Mundenhof ist groß genug für Stadion, Trainingsbetrieb und Nebennutzung. Scheitern könnte der Standort nur an der Stadtbahn-Verlängerung. Ein provisorisches Fan-Shuttle per Bus können Verein und Stadt sich nicht vorstellen. Dabei gibt es so etwas. Zum Beispiel beim Fußball-Bundesligisten Mainz 05 oder in Mönchengladbach.
 
Was ist realistisch? Die Stadt wird nicht riskieren, den Flugplatz in den Ring zu werfen. Das müsste vom Land kommen. Hettlinger scheint aktuell aus dem Rennen, obschon es lange der Favorit von Fritz Keller war. So sieht es zurzeit doch sehr aus, dass die Tiere vom Mundenhof bald einen neuen Nachbarn bekommen: eine fesche Arena zwischen Autobahn und Stadt. Allerdings müsste die Stadt dafür sorgen, dass der Anschluss an die Schiene kommt. Andernfalls droht dem SC Freiburg nicht der Stillstand, aber ein Rückschritt.

Philipp Peters
Dateien:
Freyler_Konzeptstudie_SC-Freiburg.pdf6.5 M
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