Das gibt es deutschlandweit nur einmal: Christel Augenstein ist eine FDP-Politikerin an der Spitze einer deutschen Großstadt Nur zwei andere deutsche Großstädte – Dresden und Jena – haben einen liberalen Bürgermeister. In Pforzheim hat Christel Augenstein es 2001 vom Stadtrat auf den Chefsessel geschafft. Econo-Redakteur Philipp Peters sprach mit ihr über Perspektiven – die der Stadt und die von Augenstein selbst.
Frau Augenstein, ist Pforzheim eine selbstbewusste Stadt?
Christel Augenstein: Ich denke schon. Aber wir müssen noch ein wenig daran arbeiten.
Immerhin nennt man sich „Goldstadt“. Ein Label, das nicht ganz zur öffentlichen Wahrnehmung passt. Dort hat Pforzheim kein strahlendes Bild, eher den grauen Charme der 50er-Jahre. | Wir sind eine besondere Stadt. Nach der Zerstörung am 23. Februar 1945 wurde alles – auch der Grundriss der Stadt – erneuert. Eine mittelalterliche Stadt ist ein Denkmal, rückwärts gewandt. Pforzheim strebt nach vorne und ist bereits heute in Fachkreisen ein Anschauungsobjekt, wenn es um die Architektur der 60er- und 70er-Jahre geht. | |  |
Im vergangenen Jahr hat Pforzheim die Arbeitslosigkeit deutlich gesenkt und liegt nun auf Landesniveau, bei 5,8 Prozent. Glückwunsch! Wie weit nach unten geht es noch?
Nun ja, das ist der Wert im Arbeitsamts-Bezirk. In der Stadt ist die Arbeitslosigkeit etwas höher. Allerdings muss man sehen, dass Pforzheim Oberzentrum für die umliegenden Gemeinden und die Region ist und eine besondere Anziehungskraft auch für schwächere Bevölkerungsgruppen ausübt. Und wie sieht es mit der Infrastruktur für junge Familien aus? Bei den Betreuungsplätzen für Kinder ab drei Jahren sind wir sehr gut aufgestellt. Bei den Jüngeren legen wir gerade nach. Aber wir werden uns am Bedarf orientieren. Und bis 2010/2011 werden wir jedem vierten Schulkind ein offenes Ganztagesangebot bereit stellen. Wir haben mit den Hauptschulen angefangen und weiten das Angebot nun sukzessive aus. Die Stadt wächst wieder. Auch für Neubürger muss Arbeit her. Was versprechen Sie sich vom Ausbau der A8? Wir sind mit drei Autobahnanschlüssen für eine Stadt unserer Größenordnung bereits sehr gut versorgt. Nun kommt im Süden der vierte Anschluss. Davon werden auch die Unternehmen dort in den angrenzenden Gewerbegebieten profitieren. So entsteht mit den Anschlüssen ein neuer Stadtring, den wir dringend brauchen. Denn mitten durch die Stadt führen drei Bundesstraßen, die zumindest vom Lkw-Verkehr entlastet werden müssen. Mit dem Ausbau der A8 rücken wir näher an Stuttgart heran, wovon der Standort Pforzheim zusätzlich profitieren wird. Zudem ist die Region mit ihrem Oberzentrum Teil der Metropolregion Stuttgart. Nur mit Gold und Silber kann man knapp 120 000 Menschen nicht ernähren.Was ist ihre Vision für die Wirtschaftsstruktur? Der Strukturwandel ist in vollem Gange. Wir müssen ihn aber noch beschleunigen. Ich möchte vor allem die Bindung zur Hochschule stärken und die Kompetenzen noch besser nutzen und sichtbar machen. Die Studenten sollten gleichzeitig stärker an Pforzheim, ihrem Studienort, auch emotional gebunden werden. Sie sagen „wir“ und „ich“. Darf ich daraus schließen, dass Sie 2009 noch einmal antreten? Das ist im Moment kein Thema. Ich frage, weil der Umbau von Wirtschaft und Stadtmarketing Pforzheim (WSP) sicher viel Kraft gekostet hat. Es war eine schwere Geburt. Aber ich war von der Sache überzeugt und am Ende ist es mir gelungen, die entscheidenden Menschen dafür zu gewinnen. Auch wenn es länger gedauert hat, als ich erwartet hatte. Mal ehrlich: Wäre es schneller gegangen, wenn Sie ein Mann wären? Das ist schwer zu sagen. Entscheidend ist allein das Ergebnis. Und wenn Sie in einer anderen Partei wären? Das spielt sicher eine Rolle. Wenn man wie ich über keine Hausmacht im Gemeinderat verfügt, muss man sich Mehrheiten eben immer wieder mal erarbeiten. An Themen wie der WSP wird man Sie am Ende ihrer Amtszeit messen. Das tut man schon bereits. Dass aber eine Bündelung der Kräfte sinnvoll ist, dürfte für jedermann nachvollziehbar sein. |