Dossier

Standortporträt Villingen-Schwenningen


1 Auferstehung

Lange Jahre ging nicht viel in Villingen-Schwenningen. Doch das Herz der Innovationsachse meldet sich nun eindrucksvoll zurück.

Foto: Jigal Fichtner für econo

Der vom Herzen gepurzelte Stein muss riesig gewesen sein. Jedenfalls sieht man den Verantwortlichen die Erleichterung an diesem Abend Anfang August sehr deutlich an: Der Gemeinderat Villingen-Schwenningen stimmt mit großer Mehrheit für ein neues Einkaufszentrum in VS-Schwenningen.

Es ist nicht irgendeines, sondern der Ersatzbau für das seit Jahren leerstehende Einkaufszentrum "s'Rössle". Lange wird dieses Ereignis herbeigesehnt. Der ungebliebte Bau am Rande der Innenstadt, der nach wenigen Jahren Betrieb schon wieder aufgegeben wurde, stand symbolisch für eine bleierne Zeit.

Man muss es so hart formulieren. Das Doppelherz an der Innovationsachse Stuttgart-Zürich beschäftigte sich über lange Jahre vor allem mit sich selbst. Hinter vorgehaltener Hand machten Entscheidungsträger aus Unternehmen und Institutionen immer wieder ihrem Ärger über das Gebahren in der Stadt Luft. Trauriger Höhepunkt war damals das Gezerre um die Landesgartenschau 2010, weshalb nicht alle Chancen genutzt werden konnten.

Doch das gehört der Vergangenheit an. Beobachter machen das, ebenso wie OB Rupert Kubon, auch an einem Umstand fest: "Der Gemeinderat zieht jetzt an einem Strang" (lesen Sie hierzu auch das Interview in diesem Dossier). Ob das allein den Ausschlag gibt, lässt sich naturgemäß nicht wirklich nachvollziehen. Es wird aber auch ganz allgemein von einer Art Aufbruchstimmung berichtet.

Den sprichwörtlichen Stein ins Rollen könnte ausgerechnet ein soziales Großprojekt gebracht haben: Das 2013 eröffnete Zentralhaus des Schwarzwald-Baar Klinikums Villingen-Schwenningen mit 750 Betten und Hundertausenden Patienten pro Jahr war mit rund 260 Millionen Euro nicht nur einer der größten Klinikneubauten im Land. Für den jahrelang darbenden Wohn­standort Schilterhäusle zwischen den großen Stadtteilen Villingen und Schwenningen löste der Bau einen Boom aus.

Abgesehen davon hat der architektonisch top gestaltete Komplex zahlreiche Folgeinvestitionen ausgelöst: Neben weiteren Ärzten und Gesundheitsanbietern ist aktuell auch ein lange ersehnter Hotelkomplex im Werden: Im Frühjahr soll das von einer Investorengruppe für 33 Millionen Euro erstellte Haus mit 136 Betten unter der Führung von "Holiday Inn" eröffnen. "Das neue Hotel wird ein Leuchturmprojekt", so Rene Schappner, Direktor Development bei der "Holiday Inn"-Mutter IHG. Ein weiterer Leuchtturm könnte auch der geplante Neubau der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg in der Nachbarschaft werden, die mit der Zentrale sowie Schulungsräumen aus der beengten Innenstadt von Villingen in die Weite des Geländes ziehen will.

Die Liste mit derlei Projekte von öffentlicher Verwaltung und Instituten ließ sich noch beinahe beliebig verlängern: Vom Neubau einer Veranstaltungshalle im Stadtteil Schwenningen, die auch von den Hochschulen genutzt werden kann und die mit Verspätung die Bebauung am östlichen Ende des Gartenschau komplettiert, über die Sanierung der Ringanlagen in Villingen und die Modernisierung der Fußgängerzone in Schwenningen sowie die Breitband-Anbindung der Gewerbegebiete und das Engagement der Stadtwerke VS in Sachen Elektromobilität und Schwimmbäder bis zum zentralen Verwaltungsneubau auf dem ehemaligen Kasernenareal im badischen Landesteil reicht das Spek­trum. OB Kubon ist die Freude über die Weichenstellungen deutlich anzumerken wenn er sagt: "Das hat Signalwirkung!"

Bei genauer Betrachtung der unzähligen Baukräne auf der Gemarkung kommt einem noch eine Baustelle in den Sinn, die für den rollenden Stein stehen könnte: Der 27.000 Quadratmeter große Neubau des Möbelhauses XXX-Lutz soll im kommenden Jahr eröffnet werden - und damit wegen Querelen gut fünf Jahre später als zunächst geplant. Vielleicht steht auch dieses 30-Millionen-Euro-Projekt für die bleierne Zeit. Doch wie gesagt: Die ist Vergangenheit.

Aufbruchstimmung ist auch bei den zahlreichen Unternehmen spürbar. An keiner Stelle eventuell mehr als bei der Hess Licht + Form, einem der führenden Hersteller von Außen-Beleuchtungssystemen. Vor einigen Jahren durch einen noch nicht aufgearbeiteten Finanzskandal in schwere See geraten, ist die GmbH unter dem Dach der Nordeon-Gruppe zu neuer Größe aufgestiegen. Auch beim Licht-Spezialisten Waldmann läuft es rund: Das Familienunternehmen mit eigenem großen Kindergarten (den "Glühwürmchen") ist spezialiert auf Innen-, Produktions- und Architekturbeleuchtung sowie medizinischen Lichtlösungen und investiert aktuell in einen großen Showroom am Stammsitz.

Auch bei diesen Investitionen ließe sich die Liste beliebig verlängern: Der Dosierspenderhersteller Megaplast hat mit dem Baudienstleister Goldbeck die größte Investition im Stadtbezirk der jüngsten Zeit gestemmt. Der Konzern PMDM wird seine Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten am Standort ausweiten. Dazu kommt noch die Jopp Elektronik: Die Gruppe wird die Sparte mit aktuell 90 Mitarbeitern nach Fertigstellung des neuen Standortes auf dem 12.000 Qua­dratmeter großen Areal in der Doppelstadt zusammenfassen.

Vielleicht gibt es sogar noch ein Ereignis, das den Stein ins Rollen gebracht hat: Die städtische Wirtschaftsförderungsgesellschaft hat nach einigen Wirrungen mit Beate Behrens eine neue Chefin. Seit Anfang 2014 hält die 46-Jährige die Zügel in dem Eigenbetrieb in der Hand. Ihre hemdsärmelige wie pragmatische Art kommt dabei bei den Unternehmern durchaus an. Nach Veranstaltungen schnappt sie sich schon mal eine Flasche Bier, um im kleinen Kreis mehr über die Befindlichkeiten der Unternehmer, Händler und Touristiker zu erfahren.

Wer oder was am Ende auch immer der auslösende Stein war, VS ist jedenfalls wieder da! Und das lässt sich kaum besser ablesen, als beim alten "s'Rössle". Die Hanseatische Betreuungs- und Beteiligungsgesellschaft (HBB) will laut Zeitplan bis Ende 2019 zunächst den Leerstand abreißen und dann einen Komplex mit 15?000 Qua­dratmetern neu aufsetzen. 80 Millionen Euro sind als Investitionssumme veranschlagt. Auch die Möglichkeit, die gegenüberliegende Stadtbibliothek in den Neubau zu integrieren, hat HBB der Verwaltung in Aussicht gestellt. Das wiederum würde die Chance eröffnen, die Innenstadt von Schwenningen weiter aufzuwerten - es lassen sich eben noch viele Steine ins Rollen bringen. Oder wie es HBB-Geschäftsführer Harald Ortner weniger prosaisch ausdrückt: "Wir bringen Leben in die Bude."

Hintergrund: Zufriedene Unternehmer

Es kommt selten vor, dass öffentliche Verwaltungen nach einer Unternehmerbefragung frohlocken. In Villingen-Schwenningen zeigte sich OB Rupert Kubon bei der Vorstellung der Ergebnisse angetan: "Ich bin froh über die Dynamik, die sich in den Antworten zeigt."

Dahinter verbirgt sich der Flächenbedarf von sieben Hektar an Bauland sowie weiteren 6,5 Hektar an Büroflächen. Zugleich werden die Aktivitäten der Verwaltung durchaus positiv wahrgenommen. Natürlich gab es Kritikpunkte - die indes weniger in den Händen der Verwaltung liegen: Vor allem der Fachkräftemangel drückt in den Unternehmens aufs Gemüt. Akademiker verspüren demnach keinen echten Drang, in die Doppelstadt zu ziehen. Daran ändert auch die vorhandene Hochschullandschaft wenig.

Dies hängt laut Umfrage auch mit dem Image des Standortes zusammen, beziehungsweise mit der wenig ausgeprägten überregionalen Wahrnehmung. Ein Umstand, den Kubon einräumte: "Wir müssen das Thema dringend angehen." Auch die Wirtschaftsförderin Beate Behrens goutierte die Antworten der Unternehmen, die sich ungewöhnlich breit an der Befragung beteiligt hatten. Sie wird die Rückmeldungen in die Arbeit einfließen lassen: "Wir werden unsere Segel danach ausrichten."

2 "Wir haben viel aufs Gleis gesetzt"

OB Rupert Kubon spricht im Econo-Interview über den Investitions-Hype in der Stadt und einen fehlenden VS-Spirit.

Foto: Michael Bode für econo

Bei unserem letzten Interviewtermin, Herr Kubon, gab es positive Nachrichten zum leerstehenden Einkaufszentrum "s'Rössle", die sich schnell wieder zerschlagen haben. Nun sitzen wir wieder zusammen und es gibt wieder positive Nachrichten. Was stimmt Sie optimistisch, dass die Pläne nun realisiert werden?

Rupert Kubon: Es gibt gar keine Alternative zum Optimismus in dieser Angelegenheit! Das Problem "s'Rössle" wurde in unsere Stadt gesetzt und wir als Verwaltung waren nach der Schließung des Komplexes immer das "fünfte Rad am Wagen". Wir hatten aufgrund der Eigentumsverhältnisse und rechtlichen Situation keine Handhabe. Ich hoffe nun auf unsere Chance durch die veränderten Bedingungen: Erstens sind die Investoren von der HBB - Hanseatische Betreuungs- und Beteiligungsgesellschaft - seriös und haben Erfahrung. Zweitens ist inzwischen der Leidensdruck bei den Berliner Eigentümern des Komplexes groß. Drittens ist derzeit sehr viel Geld auf dem Markt, das gerne in Beton verwandelt wird.

Es braucht aber ein sinnvolles Konzept für ein Filetgrundstück wie dieses.

Kubon: Natürlich. Das Konzept aus Einkaufszentrum mit angegliederter Bibliothek, wie es von HBB in Hanau umgesetzt wurde und auch bei uns eine Option ist, sagt mir persönlich sehr zu. Das wäre ein großer Gewinn für die Gesamtstadt.

Schaut man generell auf die privaten und öffentlichen Investitionen in Villingen-Schwenningen, dann kann man sagen: Das Herz der Innovationsachse Stuttgart-Zürich hat einen Lauf...


Kubon: Es ist richtig, aktuell wird einiges in der Stadt investiert. Wir haben in den vergangenen beiden Jahren aber auch unheimlich viel aufs Gleis gesetzt, was jetzt Fahrt aufnimmt und in den kommenden Jahren umgesetzt werden wird.

Was ist die wichtigste Entscheidung, die nun auf'm Gleis steht?

Kubon: Das ist aus meiner Sicht die Bündelung der Verwaltung, auch wenn dies gar nicht so im öffentlichen Bewusstsein wahrgenommen wird. Ich verspreche mir davon ganz erhebliche Effekte in viele weitere Bereiche hinein. Nach dem Neubau des Klinikums, der eine Art Initialzündung war, wird es nun zum zweiten Mal gelingen, ein 45 Jahre bestehendes Provisorium abzulösen.

Der erste Anlauf zur Zentralisierung der Verwaltung wurde durch einen Bürgerentscheid gekippt.

Kubon: Nach aktuellem Stand wird der nun gefundenen Lösung mit dem Bau eines Gebäudes auf dem ehemaligen Kasernen-Areal im Stadtbezirk Villingen dieses Schicksal erspart bleiben.

Welche Effekte erhoffen Sie sich von dem Gebäude?

Kubon: In der jüngst vorgestellten Unternehmerbefragung gibt es zwei Aspekte, die kritisch angemerkt werden. Erstens die Breitbandanbindung, hier sind wir inzwischen auf der Zielgeraden. Zweitens der Fachkräftemangel, in dessen Zusammenhang die Wahrnehmung des Standortes angemahnt wird. Im Vergleich zu ähnlich großen Städten ist Villingen-Schwenningen tatsächlich absolut unterrepräsentiert in der überregionalen Wahrnehmung. Eine Ursache dafür ist meiner Ansicht nach die Selbstwahrnehmung und wie sich unsere Stadt nach außen präsentiert. Für mich kann das neue Verwaltungsgebäude hier einen Beitrag leisten.

Das ist tatsächlich ein Aspekt, der einem als Beobachter beim aktuellen Prozess zur "Zukunftswerkstatt" des Integrierten Stadtentwicklungsprozesses (Isek) auffällt: Es gibt keinen verbindenden Spirit, keinen Gemeinschaftssinn. Warum konnte der in den 45 Jahren des Bestehens der Stadt noch nicht geschaffen werden?

Kubon: Ein wichtiger Punkt ist eben das Fehlen von gemeinsamen Identifikationsorten, im tatsächlichen und ideellen Sinne. Es gibt einen ersten kleinen Ansatz in dem Begriff der Baden-Württemberg-Stadt. Das ist nur ein erster Versuch, der aber immerhin angenommen wird, seit dem wir von Seiten der Stadt ihn seit 2005 gebrauchen. Auch im kirchlichen Bereich bildet sich allmählich dieser Gemeinschaftssinn und ich hoffe, auch der Verwaltungsneubau wird identitätsstiftend sein.

Sport kann so ein gemeinschaftsstiftendes Erlebnis sein?

Kubon: Ja, der Eishockey-Club "Wild Wings" übernimmt hier in den vergangenen Jahren tatsächlich eine wichtige Funktion. Allerdings liegt im Sport meiner Ansicht nach zugleich die größte Trennlinie: In allen großen Sportarten gibt es nach Württemberg und Baden getrennte Verbände in unserer Stadt. Das ist ein riesiges Problem!

Kann das 2017 anstehende Stadtjubiläum identitätsstiftend wirken?

Kubon: Die Begeisterung für das Stadtjubiläum ist leider noch nicht sehr ausgeprägt. Aber wir werden von Seiten der Verwaltung dennoch ein Programm auf die Beine stellen, das die Bürger am Ende mitnehmen wird.

Kann zu einer positiven Wahrnehmung kann auch der Begriff der Innovationsachse Stuttgart-Zürich beitragen? Den Begriff kann aber sicherlich keine Kommune allein aufladen.

?Kubon: Der Begriff Innovationsachse Stuttgart-Zürich kann tatsächlich für die Region ein wichtiges Pfund werden. Dafür ist die deutlich spürbar gewachsene Bereitschaft zur engeren Zusammenarbeit aber eine wichtige Voraussetzung. Beispielsweise hat Villingen-Schwenningen zusammen mit Dauchingen ein interkommunales Gewerbegebiet schaffen können. Derlei Ansätze wollen wir in anderen Bereichen stärken. Zudem sondieren die Spitzen der Großen Kreisstädte in der Region einen engeren Schulterschluss. Daneben arbeiten wir gemeinsam mit der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg konkret an der Neuaufstellung der die regionale Wirtschaftsförderung, da im kommenden Jahr ein Wechsel in der Geschäftsführung ansteht. Hier wird künftig das regionale Standort-Marketing stärker im Vordergrund stehen. Aus meiner Sicht ist das die vordringlichste Aufgabe.

Ein Beispiel, was im Schulterschluss erreicht werden kann, ist sicherlich der Erfolg beim Lückenschluss B523, der im Entwurf Bundesverkehrswegeplan nun als vordringlich eingestuft wird. Damit würde ein Nadelöhr im Bereich Villingen entfallen.

Kubon: Da ist richtig. Wobei ich zugeben muss, anfangs nicht von einer Realisierung überzeugt gewesen zu sein. Hier habe ich meine Meinung vollständig geändert, nach dem die Landesregierung das Projekt ebenfalls favorisiert hat. Deshalb sehe auch ich, für die Umsetzung dieser für die ganze Region wichtigen Achse, gute Chancen.

Kommen wir zurück in die Stadt. Bei der von Ihnen schon angeführten Unternehmerbefragung wurde Flächenbedarf in etwa der Größe des neuen Gebietes "Salzgrube" angemeldet. Gehen der Stadt damit schon wieder die Flächen aus?

Kubon: Es freut mich, wenn es den Unternehmen gut geht und sie für Expansionen Flächen benötigen. Aus der Erfahrung weiß ich aber auch, vom angegebenen Flächenbedarf bis zur konkreten Bauanfrage ist es zeitlich ein weiter Weg. Dennoch sollten wir die gemachten Angaben ernst nehmen und die Erschließung des zweiten Bauabschnitts zeitnah angehen.

Flächenbedarf gibt es auch von Seiten der Hochschulen. Wie geht es hier voran?

Kubon: Die Hochschulen suchen, beispielsweise aufgrund von neuen Studiengängen, nach zusätzlichen Räumlichkeiten. Hier stehen wir im ständigen Austausch, um Lösungen zu finden. Die Duale Hochschule und die Hochschule der Polizei werden beispielsweise aktuell größere Flächen belegen können. Andererseits sitzen wir als Verwaltung bei dem Thema zwischen allen Stühlen: Einerseits sollen wir uns politisch gewollt mit dem Thema befassen, andererseits gibt es regelmäßig von Seiten der Rechtsaufsicht einen "Rüffel", weil es nicht zu unseren Aufgaben gehört. Diese unselige Situation muss aufgebrochen werden.

Daneben gab es einen Aufschrei in der Stadt, weil ein Institut aus Villingen-Schwenningen nach Tuttlingen abwandert.

Kubon: Das ist eine normale Entwicklung. Auch eine Hochschule schaut sich um, und auf dem Campus Tuttlingen bietet sich mit dem Neubau des Innovations- und Forschungscentrums eben eine Chance. Andererseits ist die Zahl der Studierenden bei uns in der Stadt in den vergangenen Jahren um das Anderthalbfache angestiegen. Das spricht doch eine deutliche Sprache!

Sie haben den nötigen Imagewandel vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels angesprochen. Wie wollen Sie den bewerkstelligen ohne urbanes Umfeld oder wenigstens einem großen See?

?Kubon: Den einen großen Wurf dazu gibt es nicht, es wird viele kleine Schritte benötigen.

Welche konkret?

Kubon: Einer der wichtigsten ist sicherlich die seit einiger Zeit veränderte atmosphärische Stimmung im Gemeinderat. Das Miteinander steht nun im Vordergrund, nicht mehr der Grabenkampf. Ein weiterer Schritt ist beispielsweise der Prozess des Isek.

Das wirkt aber beides nach innen...

Kubon: Ja, aber zunächst muss das Image bei den Bürgern stimmen, es muss ein Gefühl für die Stadt entstehen, so wie wir es vorhin schon thematisiert haben. Wenn das vorhanden ist, dann wird auch ein positives Bild in der Außenwirkung entstehen. Übrigens sehe ich die Notwendigkeit für einen solchen Prozess für die gesamte Region.

Danke für das Gespräch, Herr Dr. Kubon.

Zur Person

Rupert Kubon (59) ist seit 2003 OB in Villingen-Schwenningen. Zuvor war der SPD-Politiker Kulturamtsleiter in Dessau. Er studierte Deutsch und Geschichte für das Lehramt am Gymnasium und erhielt seine Promotion mit einer Studie zur badischen Schulgeschichte. Der gebürtige Friedrichshafener ist verheiratet und hat zwei Töchter.

3 Zukunft? Zukunft!

Die Stadt will es von den Bürgern wissen: Wie soll es weitergehen? Für eine zerstrittene Doppelstadt keine einfache Fragestellung.

Foto: Jigal Fichtner für econo

Eine Seilbahn, die Villingen und Schwenningen miteinander verbindet. Bei nicht wenigen Betrachtern löst die von einem Bürger an die Pinwand gehängte Vision ein Schmunzeln aus. Das ist gut so! Denn ein Schmunzeln ist immerhin eine Reaktion, anders wie ein Schulterzucken. Das hätte in Villingen-Schwenningen ebenfalls passieren können.

Für die Stadtverwaltung waren die Veranstaltungen "Zukunftscamp Villingen-Schwenningen" im Rahmen der Prozesses Integriertes Stadtentwicklungskonzept durchaus eine Gradwanderung: Die Gemeinsamkeiten sind in der Doppelstadt bislang wenig ausgeprägt, eine Vision fehlt. Ganz zu schweigen von einem Stadt-Patriotismus: In Berlin ist man zwar Kreuzberger oder Charlottenburger. Wenn es darauf ankommt, ist man aber immer noch Berliner.

In eine "zwangsverheirateten" Doppelstadt, deren Historie eher ein Gegen- denn ein Miteinander war, ist derlei Spirit nur schwer vermittelbar. Ganz abgesehen vom Grundproblem: Villingen ist badisch, Schwenningen württembergisch. Das vor einigen Jahren angelegte Stadtwappen zeigt (heraldisch korrekt) den Zähringer Adler und den Schwenninger Schwan als Wappentiere - die sich gegenseitig die Zunge rausstrecken.

Doch genug der Sticheleien!

Die "Zukunftswerkstätten" waren ein guter Auftakt, um V und S samt den umgebenden Stadtteilen miteinander zu verbandeln. Deshalb waren die Fragestellungen durchaus ausgewogen: Es ging um Zukunftsfähigkeit und Attraktivität für Jüngere, um einen bunten Ort und die Stärkung der Wirtschaft. Hunderte Bürger quer durch alle Altersstrukturen diskutierten in den "Camps", zeichneten ihre Visionen auf und hörten Vorträge beispielswiese von Stefan Kurath. Der Professor an der ZHAW Winterthur fragte provokant, ob es überhaupt "urbane Qualitäten im ländlichen Raum" geben könne.

Bemerkenswert waren auch die "Camps" auf dem samstäglichen Wochenmarkt: Trotz kühlen Nieselwetters diskutierten die Bürger leidenschaftlich auf dem quadratmetergroßen Satelittenbild der Stadt stehend, wo welche Entwicklungen wünschenswert seien. Kein Wunder also, dass die Stadtverwaltung ein positives Fazit der ersten Veranstaltung zieht. Tausende Beiträge wurden diskutiert, Hunderte Fragebogen ausgefüllt. Vor allem der Nahverkehr, die Freizeitmöglichkeiten für Jugendliche sowie die Sauberkeit standen dabei in der Kritik. Und: Viele der Teilnehmer wünschen sich tatsächlich ein stärkeres "gemeinsames Denken".

Im Dezember will die Verwaltung ein erstes "Zukunftsbild" vorstellen, das in Arbeitsgruppen bis zum Ende des Projekts im Juli 2017 konkretisiert werden wird. Ob es dann auch die Seilbahn als Vision in das "Zukunftsbild" schafft, wird sich zeigen.

4 Völlig wandelbar

Die Stadt VS bietet (wieder) Flächen für jeden Bedarf. Eine wichtige Rolle übernehmen dabei die zahlreichen Gewerbeparks im Stadtgebiet.

Foto: Jigal Fichtner für econo

Ganz am Ende des Rundgangs bietet Alexander Gary noch ein Schmankerl: "In dem Raum hat sich ganz neu ein Craft-Beer-Brauer eingemietet." Es ist ein buntes Völkchen, das sich in den 21 000 Quadratmetern Hallen und Büros des von Gary verantworteten Müga Gewerbeparks versammelt hat: Rockbands haben dort Proberäume, Ingenieurbüros und Leasingspezialisten belegen Flächen, die Hochschule Furtwangen betreibt ein Kompetenzzentrum, Unternehmen aus dem Schwarzwald nutzen die Produktions- und Logistikflächen als Sprungbrett zur A81 und natürlich belegt der Werkzeugmaschinenspezialist Müga selbst Hunderte Quadratmeter.

Das weitläufige Areal im Industriegebiet Ost kann man gut als Spiegel der Entwicklung der Stadt VS betrachten: Die Hallen und Büros wurden nämlich in den 1990er-Jahren von der Steinel Werkzeugmaschinen gebaut. Die Maschinen sind bis heute in Produktionen eine Legende - das nützte dem Unternehmen nicht viel, es ging pleite.

Die leitenden Steinel-Mitarbeiter Helmut Müller und Peter Gary wagten indes 1999 mit Müga den Neuanfang, übernahmen den Steinel-Service inklusive des Teilelagers mit 22 000 Positionen. 2007 übernahm das Duo das Areal in Eigenregie, seitdem entwickelt Gary Junior den Gewerbepark: Beinahe alle Flächen sind vermietet.

Die Entwicklung der Stadt verläuft auf mehreren Ebenen ähnlich. Eine Ebene: Man ist die bedeutendste Uhrenstadt weltweit, erlebt in den 1970er- und 80er-Jahren einen Absturz sondersgleichen, berappelt sich und steht heute wieder bestens da. Eine andere Ebene: Die Stadt hatte über Jahre kaum Flächen zur Vermarktung. Die landschaftliche Lage wie die Verhältnisse im Gemeinderat behindern die Entwicklung. Mit dem Gebiet "Auf Herdenen" bricht die Problematik auf.

Inzwischen hat man weitere Flächen entwickelt, aktuell das im ersten Abschnitt 11,4 Hektar große Gebiet "Salzgrube" in Nachbarschaft zu "Herdenen". Daneben hat sich in mehreren Leerständen ähnlich wie im Müga Gewerbepark neues Leben eingenistet. Der Klassiker ist dabei der Technologiepark VS mit dem ehemaligen Saba-Areal als Herzstück. Der Umtriebigste ist Ralf Gropengießer, der mit der Business Boxx VS gleich mehrere Objekte mit zusammen 18 000 Quadratmetern teils möblierten Büro-, Praxis und Lagerflächen verwaltet.

Auch Alexander Gary entwickelt das Völkchen in seinem Gewerbepark weiter. Das Areal bietet auf den noch 20 000 Quadratmetern freien Flächen Raum für weitere Bauten. Gary: "Wenn es eng wird, können wir noch das Dach aufstocken."

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Foto: Jigal Fichtner für econo

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