12.06.2015 08:29 Uhr

"Datensicherheit ist Chefsache!"

Die NSA-Affäre schwelt und Hacker greifen den Bundestag an: Der Landesdatenschutzbeauftragte Jörg Klingbeil liest exklusiv in Econo dem Mittelstand die Leviten...

Stuttgart. "Seit Anfang Mai 2015 sieht sich der Deutsche Bundestag massiven Hackerangriffen, vermutlich durch ausländische Geheimdienste,  ausgesetzt, die die Sicherheitsbehörden wochenlang nicht in den Griff bekamen. Die Angreifer hatten offenbar zunächst die Computer einer Fraktion mit einem Trojaner infiziert und sich so Zugang zu Administrator-Passwörtern verschafft. Damit sei es ihnen laut Medienberichten gelungen, in das gesamte Bundestags-Netzwerk einzudringen. Möglicherweise müsse nun die gesamte IT-Infrastruktur des Bundestags neu aufgesetzt und sogar ein Teil Hardware ausgetauscht werden.


Meldungen wie diese sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Anfang April 2015 leg-ten islamistische Hacker den französischen Fernsehsender TV 5 Monde stundenlang lahm. Im vergangenen Jahr schreckten zwei großflächige Identitätsdiebstähle, bei denen 16 bzw. 18 Mio. Benutzerkonten bei Online-Shops und sozialen Netzwerken kompromittiert wurden, die Öffentlichkeit auf. Der Lagebericht des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) schildert die aktuelle Gefährdungslage schonungslos: Die Sicherheitslücken in den am meisten verbreiteten IT-System sind unverändert zahlreich, die Angriffswerkzeuge werden immer vielfältiger und professioneller. Durch die allmähliche Vernetzung aller physischen Systeme mit dem Internet, die breite Verwendung mobiler Geräte und die wachsende Komplexität der IT ergeben sich laufend neue Schwachstellen und Einfallstore.


Im Internet gibt es mittlerweile einen globalen Markt, auf dem bequem und anonym Schadsoftware und illegal erlangte Daten gekauft oder passende Angriffe als Dienstleistungen in Auftrag gegeben werden können. Dementsprechend sieht sich die Wirtschaft einer wachsenden Zahl von Cyberangriffen ausgesetzt. So berichtete etwa der Sicherheitschef der Deutschen Telekom im Herbst 2014, dass sein Konzern bis zu eine Million Angriffe pro Tag zähle.


Cyber-Angriffe werden allerdings immer wieder auch durch eine erhebliche „digitale Sorglosigkeit“ begünstigt, die in einer merkwürdigen Diskrepanz zum - in Umfragen erkennbaren - schwindenden Vertrauen der Nutzer in die Sicherheit im Internet steht. Während Experten die deutschen Großunternehmen im Hinblick auf die IT-Sicherheit gut aufgestellt sehen, bestehe insbesondere bei den kleineren und mittleren Betrieben, die in Baden-Württemberg traditionell stark vertreten sind, ein erheblicher Nachholbedarf. Die Verantwortlichen in den mittelständischen Unternehmen seien häufig unzureichend vorbereitet.

Angesichts der zunehmenden Digitalisierung baden-württembergischer Schlüsselbranchen (Stichwort „Industrie 4.0“) müssten künftig größere Anstrengungen unternommen werden, um wertvolle – nicht nur personenbezogene – Daten im Unternehmen zu schützen. Hierfür müssen der Wirtschaft aber auch praktikable Hilfsmittel zur Verfügung gestellt werden. Es ist daher sinnvoll, dass der bislang sehr komplexe IT-Grundschutz des BSI verschlankt und stärker auf die Bedürfnisse mittelständischer Unternehmen zugeschnitten werden soll. Datensicherheit muss gerade dort Chefsache sein!"

Jörg Klingbeil
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