Ganz neue Töne

Manfred Stöhr ist der Neue bei Hohner. Die Erwartungen sind hoch. Gerade unter den Aktionären: Sie harren seit 25 Jahren.

 
Foto: Archiv
 

Trossingen. Manfred Stöhr geht im Büro einige Schritte hinüber zur Fensterbank, greift sich das silbern schimmernde Teil von der Größe eines Schokoriegels. Es liegt dort stets griffbereit. Stöhr atmet hinein. Dieser Vorgang gehört beinahe zu seiner Jobbeschreibung. Als Vorsitzender der Geschäftsleitung des Trossinger Musikinstrumentenherstellers Hohner wird erwartet, dass er der Mundharmonika Töne entlocken kann.

Die Töne klingen noch ein wenig unsauber. Stöhr entschuldigt sich lächelnd. Den Mitarbeitern und mehr noch den Aktionären ist das egal. Schief hin oder her, für sie sind es vor allem neue Töne. Stöhr hat seit Oktober 2010 das Sagen. Und es scheint, als entkomme Hohner nun seiner Lethargie.

Das Unternehmen. Wer Stöhr besucht, der unternimmt so etwas wie eine Zeitreise. Das Firmengebäude duckt sich im architektonischen Stil der 1980er-Jahre in einem Gewerbegebiet am Rande Trossingens. Ein verwaschenes Gelb dominiert. Im Innern des Baus herrschen Brauntöne vor. Der Eingang, das Treppenhaus, der Gang, das Besprechungszimmer, alles atmet die 80er-Jahre.

Man kann es in einem Wort zusammenfassen: Investitionsstau.

Stöhr sitzt am Kopfende eines langen, hölzernen Tisches in dunklem Braun. An diesem Tisch saß bereits Firmengründer Matthias Hohner. Vor 153 Jahren.

Tisch und Besprechungszimmer stehen im herben Kontrast. Der neue Hohner-Chef weiß um diese Kontraste: „Welchen Eindruck hatten Sie denn beim Betreten des Gebäudes?“, fragt er den Gast. Er erwartet eine ehrliche Antwort. Und Stöhr räumt „einen gewissen Investitionsstau“ ein. Diese Zurückhaltung muss man verstehen. Sie hat nichts mit Überheblichkeit oder Blindheit zu tun. Sondern mit der Historie.

Die Vergangenheit. Der Uhrmacher Matthias Hohner gründet 1857 das Unternehmen. Wenn man so will hat er bei einem anderen abgeschaut, wie man Mundharmonikas herstellt. Hohner hat ein Händchen dafür, drei Jahre später beschäftigt er bereits 50 Mitarbeiter. Und ab 1868 erobert er die Welt.

Mundharmonikas und Akkordeons aus Trossingen erleben einen echten Boom. Im Jahr 1900 arbeiten für Hohner 1000 Menschen. Das Unternehmen, die Familie beherrschen die Stadt. Unzählige Straßennamen, die auf Hohner enden, zeugen davon, dazu das Konzerthaus. Und der Industriekomplex, der heute feinst restauriert Künstler, Freiberufler und Familien anzieht. Bis 1995 schlug hier im Zentrum Trossingens das Herz von Hohner.

Es war ein schwaches Herz. Von den alten Glanzzeiten mit 5000 Beschäftigten war man weit entfernt. Die Familie hatte sich verspielt: Neben Mundharmonikas, Akkordeons und anderen klassischen Instrumenten versuchte man sich an E-Gitarren, E-Pianos. Sogar Hohner-Computer gab es.

Bei Musikern war Hohner -wegen seiner innovativen Ansätze äußerst beliebt. Stöhr formuliert es in der Nachschau so: „Die Stückzahlen waren wirklich gut. Aber verdient haben am Ende nur die Banken daran.“

Der Zusammenbruch. Was folgt, ist klar. Hohner geht in die Knie, 1987 ist ein erstes Schicksalsjahr: Die Familie zieht sich zurück. 1997 übernimmt die Taiwanesische HS Investment mit Sitz auf den Virgin Islands die Mehrheit. Sie hat sie bis heute. Aber über die Strategie ist nichts bekannt. Es geht die Mär, dass bis dato noch nicht einmal alle Hohner-Führungskräfte Kontakt zu den HS-Verantwortlichen hatten.

Für Hohner beginnt eine Zeit in Moll. Das Unternehmen verschwindet aus dem Bewusstsein. Nicht einmal die Trossinger nehmen Hohner noch richtig wahr. Aber die Musiker in aller Welt halten Hohner und der Schlagzeug-Tochter Sonor die Treue. Die Marke hat Strahlkraft.

Das Trauma. Dabei darf man einen weiteren Aspekt nicht vergessen: Hohner verschwindet zwar aus dem Bewusstsein, aber wirtschaftlich verlaufen die Jahre bis heute fantastisch. Jedenfalls wenn man auf die Kennzahlen blickt (siehe Seite 36). Zwar pendelt der Umsatz um die 60 Millionen Euro. Und die Aktie wird kaum gehandelt, hangelt sich mühevoll von 4,50 Euro auf 6 Euro.  Aber der Jahresüberschuss stimmt. Das Eigenkapital wächst beständig, zuletzt lag die Quote bei 51 Prozent, nach 31 Prozent 2006.

Für die Strategie dahinter war Horst Bräuning verantwortlich. Und die Strategie lautete: Hohner soll nie wieder schlimme Zeiten durchlaufen müssen. Man kann das Drängen nach Liquidität als Traumabewältigung  ansehen.

Bräunings Nachfolger Stöhr formuliert es so: „Die Strategie war richtig.“ Was soll er auch anderes sagen? In so einem Traditionsunternehmen? Die Investitionen sind beispielsweise mit rund 460 000 Euro gerade einmal halb so hoch wie die Abschreibungen. Der 80er-Jahre-Charme des Hohner-Baus sagt darüber alles aus.

Die Aktionäre jedenfalls halten die Strategie nur bedingt für sinnvoll. Seit 25 Jahren warten sie auf eine Dividende. Jahr für Jahr in den Hauptversammlungen wird sie angemahnt. Und von Vorstand, Aufsichtsrat und Hauptaktionär HS abgebügelt. Nun ist die Geduld  am Ende. Mitte Mai wird Hohner in Stuttgart der Prozess gemacht. Der Hohner-Aktionär Share Value Stiftung hat geklagt. Und die Verantwortlichen fühlen sich durch das Aktienrecht bestätigt. Das besagt, vereinfacht ausgedrückt, dass eine AG Dividende zahlen muss, wenn es die Daten erlauben.

Die Zukunft. Auch bei der Stiftung sieht man indes die Personalie Manfred Stöhr positiv. Der Tenor zieht sich durch, egal mit wem man über Hohner spricht. Der Hoffnungsträger hingegen hält sich bedeckt. Strategie? Dividende? Neue Produkte? Stöhr bleibt höflich unverbindlich. Spricht vage vom „Sinn“, den alles Engagement haben müsse. Damit steht er in langer Hohner-Tradition.

Es ist keine gute Tradition.

Das ficht Stöhr nicht an. Er weiß um die Stärken des Unternehmens, die Stellung als Marke in der Welt. Die Potenziale. Stöhr handelt entsprechend, als Erstes hat er jetzt das Marketing umgekrempelt. Hohner gibt sich wieder selbstbewusst. Das sind die neuen Töne, die Mitarbeiter und Anleger hören wollen. Und sie wollen mehr davon. Stöhr wird sie in Dur spielen, das macht er zwischen den Zeilen deutlich. Nebenbei lernt er weiter Mundharmonika, Trompete kann er schon.

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